Archiv der Kategorie: Geschichte

Vom”Troad” und vom “Dreschn”


von ©Hans Obermair
erschienen am 11.8.2022 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Die Ernte von Körnerfrüchten war früher Schwerstarbeit, für die jede Hand auf dem Feld und am Hof gebraucht wurde. Heute ist die getreideernte ein Unterfangen mit hohem Maschineneinsatz. Ein Blick zurück in eine Zeit von Sichel und Sense.

Bild: Archiv Hans Obermair

Der Getreidebau hatte dort, wo es einigermaßen möglich war, in der Landwirtschaft schon immer einen hohen Stellenwert. Getreide war Nahrung für Mensch und Vieh, dann die Marktfrucht mit der höchsten Energiedichte, was ja in Bezug auf den Transport wichtig war. Zudem ist Getreide bei fachgerechter Lagerung über Jahre hinweg haltbar. Schon in der Bibel lesen wir, dass es die sieben „fetten“ und die „mageren“ Jahre auszugleichen hatte. Erinnert sei auch an die Getreidestadel in unserer Gegend, die so konstruiert waren, dass „Nager“, aber auch fliegende Schädlinge nicht in das Lagergut eindringen konnten. Ein Beispiel: Der alte Getreidestadel im Staatsgut Grub.

Die Hauptfrüchte waren „Korn” (Roggen) und Weizen als „Winterung” für das Brot, und als „Sommerung” Gerste für Bier, Nahrung und Futter, sowie Hafer für das Vieh. Auch Vorgängerarten wie zum Beispiel Dinkel konnten regionale Bedeutung haben. Mit Winter- und Sommergetreide hatte man verschiedene Saat- und Erntezeitpunkte, was ja auch einen Risikoausgleich darstellt. Nach Winterung und Sommerung folgte das Jahr der Brache, für die Äcker ein Ruhejahr, die man für die Weide nutzte. Deshalb gab es auch den Flurzwang. Der war wichtig bei diesen kleinräumigen Feldern. Die Er-träge waren wesentlich niedriger als die heutigen. Eine Aussage eines Bau-ern aus dem Oberland in den 1930-er Jahren mag dies verdeutlichen: Er freute sich, weil er acht „Sam” geerntet und gedroschen habe, also das Achtfache der Aussaatmenge.
Gegenüber dem Grünland, hatte der Getreideanbau das größere Risiko: Wenn der „Schaur schlug” (Hagel), schadete das der Ernte. Auch deshalb die kleinteilige Flur, damit jeder überall ein Feld hatte. Aber auch von einem Schneefall auf die Kornblüte wird berichtet. Mit Seilen streifte man den Schnee von den blühenden Kornähren ab. Aber mit der Blüte vernichtete man auch die Ernte. Mein Urgroßvater entschied sich gegen diese Methode und konnte so die Ernte einfahren.
Das Schneiden des Getreides erfolgte erst mit der Sichel und später mit der Sense. Hinter dem „Moder” (Schnitter) wurde das Schnittgut „aufge-klaubt” und zu Garben gebunden. Nicht die schönste Arbeit, denn Unkraut, insbesondere stachelige Disteln, gab es genügend. Das Handmähen wurde in den 1920er Jahren durch die Mähmaschine dann durch den Ableger, bei dem man die Garben noch von Hand binden musste und schließlich durch den Bindemäher, der fertige Garben aufs Feld legte, abgelöst. Die Garben wurden zum Trocknen zu „Mandln” zusammengestellt. Hier war auch „Kinderarbeit” gefragt. Nach ein paar schönen Tagen in die Scheune eingeholt, wurden die Garben im Stadel so gerichtet, dass die,,Spatzen” nicht an die Ähren konnten.
Die älteste Druschmethode dürfte das Auspeitschen der Ähren sein. Irgendwann kam die „Drischel”: Ein langer Stiel, an dem mit Lederriemen ein gut 50 cm langes und etwa 10 cm starkes Rundholz befestigt war. Dieser “Dreschflegel” wurde flach auf das auf der Tenne liegende Dreschgut geschlagen. Bis zu sechs oder gar acht Personen konnten das sein, die reihum im Takt ihre Arbeit machten. Man durfte dabei nicht auf den Flegel eines anderen schlagen. Und so, wie mein Vater sagte, brauchten die Drischler eine „gutes Musikgehör”, um die Reihenfolge sicher einzuhalten. Dann wurde das leere Stroh ausgeschüttelt und gegebenenfalls zu „Schab” (Strohbündel) gebunden. Durch „Windwurf” und Sieben wurde dann bei diesem Getreide-Spreugemisch die Spreu vom Getreide getrennt. Später geschah dies durch die „Windmühle”, ein handbetriebenes Gerät.

Ab etwa der Jahrhundertwende wurde die Drischel durch den „Hakenzylinder”, ein Gerät mit einem hakenbewährten Zylinder, abgelöst. Hier ging nichts mehr mit menschlicher Muskelkraft. Ein „Göppel” musste gebaut werden. Dabei wurde von dem im Kreis gehenden Zugvieh eine stehende Welle gedreht. Die übersetzte Drehung wurde meist per Zahnräder über Scheiben und Riemen, gegebenenfalls über eine Transmission, auf den Hakenzylinder übertragen, mit pro Zugtier einer Pferdestärke (PS). Damit die Spur der reihum gehenden Zugtiere nicht zu einem Graben wurde, wa-ren diese Göppelkreise gepflastert. Beim Wirt in Ottersberg konnte man diese Pflasterung noch Ende der 1950er Jahre sehen. Alternativ zum Göp-pel gab es auch den Ottomotor, der oft mit Spiritus betrieben wurde, und dessen industrielle Erzeugung immer mehr zu einem Betriebszweig (Kar-toffelbrennereien) der Landwirtschaft wurde.
Die neue Methode war aber die Dreschmaschine, die im Grunde die Arbeit des Hakenzylinders und der Windmühle vereinte. Hier brauchte man viel mehr Energie, die nur eine Dampfmaschine erzeugen konnte. Insgesamt ein teures Gespann mit hoher Leistung, deren Kauf sich oft nur für eine Dreschgemeinschaft, häufig auch eine Genossenschaft, oder für einen Dreschunternehmer lohnte. Das Dreschen war jetzt überbetrieblich zu or-ganisieren. Schon wenn die „Dreschgarnitur”, bestehend aus Dreschma-schine, Dampfkessel und später auch die Strohpresse auf dem Hof kam, war oft schon der Nachbar mit gefragt. Ein Vierer-oder Sechser-Pferdezug musste es schon manchmal sein, um dieses Gewicht zu transportieren. Mit der Verbesserung der ländlichen Stromnetze wurde dann immer mehr der Elektromotor zum Antriebsaggregat. Diese Dreschmethode erledigte sich erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts durch die Einführung des Mähdreschers.

War Dreschen angesagt, mussten alle Kräfte gebündelt werden, nicht nur auf der Tenne, sondern auch in Küche und Keller. Nicht umsonst gab es das Sprichwort „der isst wie ein Drescher”. Aber auch Kinder mussten, so-weit es die Schule erlaubte, mithelfen. Ihre Aufgabe: Die Spreu, die die Ma-schine in Massen ausschüttelte, weg zu tragen. Im Norden des Landkreises hieß diese Spreu „Amt” und im Süden „Flahn”. Ich erinnere mich: An meinem zehnten Geburtstag (1949) waren die „Flahn” den ganzen Tag meine Aufgabe. Ich war stolz, war ich doch ein Teil der Dreschmannschaft und zu den Mahlzeiten gab es für mich ein „Kracherl”.

Wie schauten nun solche Dreschtage beim Wirt in Ottersberg, dem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin, aus? War die Feldarbeit getan, ging es ans Dreschen. Zu dritt hatten wir eine größere „Esterer”-Dreschmaschine mit Presse (Marke Raussendorf). Ein 22-PS Elektromotor trieb das Ganze an. Das Aufstellen der Maschine in der Tenne musste mit der Wasserwaage erfolgen, damit die Siebe und die Sortiertrommel funktionierten. In einem Stück wurden dann zwei oder drei Tage gedroschen. Insgesamt waren es an die acht. Für die verschieden Tätigkeiten waren an die zehn Leute nötig. Das hieß, man brauchte Taglöhner oder man half sich gegenseitig. So musste auch ich manchmal zum „Dreschen” gehen. Ich tat dies nicht un-gern. Da hatte ich nur meine Arbeit zu tun und musste mich um nichts kümmern. Daheim war ich nämlich der „Maschiner”, der für das Funktio-nieren der Maschine Verantwortung hatte. Das hieß auch, während der Mittags- oder den Brotzeitpausen die Maschinen zu schmieren. Bei diesen Pausen ging es nämlich immer lustig zu. Da wäre ich gerne dabei gewesen.
„Maschiner” sein bedeutete auch, während des Betriebes unter die Presse zu schlüpfen, um neu „einzufädeln” wenn das Pressgarn gerissen war. Dies war nicht ganz ungefährlich. Ein Abstellen und wieder Anfahren der Ma-schinen hätte wertvolle Zeit gekostet. Während das Stroh als Pressbündel im Stadel eingelagert wurde, musste das Getreide, das marktfertig von der Maschine kam, entweder in Säcken auf den Speicher getragen, bezie-hungsweise am Abend mit einem handbetriebenen Windenaufzug dorthin gebracht werden. Oder die Säcke, die maximal 100 Kilo schwer waren, wurden auf einen Wagen gestellt. Zur Abholung durch die Brauerei, oder zum Transport ins Lagerhaus.
Als dann alle drei, der „Homer” von Gelting, der „Sprunkmoar” und der,,Wirt” von Ottersberg auf Mähdrusch umgestellt hatten, es war cirka 1959, wurde der „Esterer” aufs Feld gefahren, mit Benzin überschüttet und angezündet. Niemand trauerte vor dem Haufen Schrott der alten Dreschmethode nach, obwohl damit, wieder still und leise, eine bäuerliche Epoche ihren Abschluss gefunden hatte.

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Die Auswanderer


von Hans Obermair©
erschienen am 18.8.2022 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Familie Grasberger aus Kreuz bei Glonn in Amerika -„Moarsöhne” auf der Suche nach dem Glück

Wenn Deutschland heute „Einwanderungsland” genannt wird, so war es im 19. Jahrhundert zweifelsohne ein Auswanderungsland. Für die meisten war Nordamerika das Land ihrer Zukunft, und damit ihrer Träume. Der Traum nach einer besseren Zukunft, ist Teil der Menschheitsgeschichte. Waren es häufig Hungersnöte, so auch zum Beispiel das „Hungerjahr” 1817, so war es später der Drang nach Freiheit. Sein Leben selbst zu gestalten war über Jahrhunderte nicht möglich. Leibeigenschaft und Knechtschaft ließen das nicht zu, in der Regel auch nicht bei denen, die in und von der Landwirtschaft lebten. Und das waren die Allermeisten.

Eine gewisse Wende war sicher die Anfang des 19. Jahrhundert einsetzende „Bauernbefreiung”, die 1848 ihren Höhepunkt fand. Man konnte jetzt mit seinem Anwesen frei disponieren: Tüchtigkeit und Weitsicht konnten sich lohnen -umgekehrt konnte es aber auch sein. Wie es hieß: Man konnte sich „aufi” kaufen oder auch „obi”. Dies alles hat dazu geführt, es auch zu „probieren”, die neuen Freiheiten machten es möglich und wenn es „in’s Amerika” gehen sollte, wie man es damals formulierte. Für die, die es schon erfolgreich probiert hatten, war es „das gelobte Land”. Ihre Nachrichten an die Heimat, die durchaus übertrieben sein konnten (wer berichtet über sich schon Schlechtes?) war die beste Werbung für dieses Land. Die aber, die nichts Gutes erwartete, berichteten erst gar nicht darüber. Vielleicht auch nicht, um dann hören zu müssen „warst net umi g’farn”.

Ein weiterer Grund für das Auswandern ist gewesen, sich den hiesigen Strafbehörden zu entziehen. In den Neunzigerjahren waren es zum Beispiel die „Habererprozesse”, die das „Abhauen” beförderten.

Auf jeden Fall musste man sich erst die Überfahrt von Hamburg oder Bremen nach Amerika verdient, oder durch Mitgift beisammen haben. Sonst kam man nicht aufs Schiff. Hier hat sich eine regelrechte Auswanderungsindustrie gebildet, die die Frachträume durch „Zwischendecke” unterteilte, in denen man kaum stehen konnte. „Eingepfercht”, erreicht man oft erst nach Wochen sein „gelobtes Land”. Nach vielen Tests und gegebenenfalls nach einer Quarantäne, durfte man dann erst „wirklich” einreisen, oder wurde in seltenen Fällen auch zurückgeschickt. Wohl denen, die schon Verwandte oder Bekannte „drüben”, und zumindest für den Anfang Hilfe hatten. Also viele Entbehrungen, bis man „drüben” war. Da stellt sich die Frage, warum auch die Söhne größerer Höfe das alles auf sich nahmen. Waren es die hohen Erwartungen, die ja auch mit „Goldgräberstimmung” umschrieben wurde, nicht erfüllte Wünsche an das Elternhaus, oder weil man daheim eine bestimmte Frau heiraten sollte? In den meisten Fällen wissen wir es nicht. So auch bei den zwei „Moarsöhnen” aus Kreuz bei Glonn Franz-Paul (*1819) und Josef (*1823). Nachdem Franz-Sales Schneeberger -„beim Schneeberger” ist heute noch der geläufige Hausname -als letzter der Familie 1825 verstarb, übernahm die Familie Grasberger, aus Föching kommend, noch im gleichen Jahr den „Moar”. Schneeberger der neben dem „Moar” auch Förster und Jäger für Zinneberg war, hatte ein wohl einmaliges Schicksal zu ertragen: Von den 14 Kindern aus der Ehe mit Ursula Wiesbeck, Wirtstochter aus Lorenzenberg, sind alle, spätestens im fünften Lebensjahr, verstorben. Auch seine zweite Frau war zwei Jahre vor ihm gegangen. Sodass Schneeberger kinderlos verstarb. Dies war wohl der Grund, warum sich die Kurfürstenwitwe Leopoldine (Zinneberg) als Obereigentümerin für diese umgehende Neubesetzung entschied. Es ist von einem Verkauf die Rede, sodass sich das Obereigentum von Zinneberg damit erledigt haben dürfte.

Zur Familie Grasberger gehörten 1825 die Söhne Franz-Paul, Thomas (*1820) und Josef. Warum nicht der älteste Franz-Paul, der ja den Vornamen des Vaters trug, das Anwesen übernahm, ist ungewöhnlich. Der Vater verstarb plötzlich 1848 mit 54 Jahren an Schlaganfall. Die Witwe Ursula, damals 52-jährig konnte sich für eine Übergabe erst 1853 zu Gunsten des zweiten Sohnes Thomas entscheiden. Und so könnten es Erbstreitigkeiten gewesen sein, die Franz-Paul, damals 30-jährig, dazu bewogen, 1849 nach Amerika zu gehen. Über seine Entscheidung berichtete er vermutlich positiv, denn 1855 folgte ihm Bruder Josef in die Neue Welt. Von ihm wissen wir, dass er 1859 Marie-Therese Marais heiratet und 1890 in Pennsylvania, vermutlich am Sitz seiner Familie, verstarb.

Sein 1864 geborene Sohn Bonifac ließ sich, wohl nach der Schule, in Richmond, Virginia (Nachbarstaat von Pennsylvania), bei Onkel Franz-Paul, nieder. Dort baute man Kutschen und Waggons. Höchstwahrscheinlich hat Bonifac sein Handwerk bei seinem Onkel Franz-Paul erlernt und galt dann als einer der besten Fachleute von Richmond, wie berichtet wird. Er hat sich nach 1889 im Fach des Onkels selbständig gemacht. Seinen Betrieb gab es bis ca. 1900. Wahrscheinlich hat er den Konkurrenzkampf mit seinem Cousin Julian, Sohn von Franz-Paul, nicht durchgehalten. Es ist anzunehmen, dass er wieder im Betrieb des Onkels und Cousin tätig war. Er war ja Fachmann. 1945, also im Alter von 81 Jahren, ist er wohl in Richmond verstorben. Franz-Paul, sowie seine Frau, hatten mit seiner 1827 in Kreuz geborenen Schwester Ursula einen Briefverkehr geführt, der uns etwas Einblick in seine Familie gibt. 1853 heiratet Franz-Paul in Amerika die Deutsche Margarethe Karl, ihr Vater ist aus Tennesberg in der Oberpfalz gebürtig, Sie wohnen in Richmond, der Hauptstadt des Staates Virginia. Insgesamt sind zehn Kinder aufgeführt. Über den Verbleib dieser wissen wir außer den Vornamen nur, dass Therese als Schwester Xaviera ins Kloster ging und der 1860 geborene Julius in Richmond 1909 ein „Manufacturer of Vehicles”, also Hersteller von Fahrzeugen, war. Es ist anzunehmen, dass der 1849 ausgewanderte Franz-Paul schon bald nach seiner Ankunft sich in Richmond niederließ. Es wird von dort berichtet, dass es 1849 zwei Kutschenbauer gab. Ob ein Betrieb oder zwei, von denen einen Franz-Paul gegründet haben dürfte, ist offen. Woher hatte er die Kenntnis Kutschen zu bauen? Bei uns war das Wagnerhandwerk dafür zuständig. Es ist gut möglich, dass Franz-Paul sobald die Nachfolge als „Moar” in Kreuz nicht mehr wahrscheinlich war, das Wagnerhandwerk erlernte. Das könnte beim Wagner, später im „Scheilanwesen” in Schlacht gewesen sein. Johann Gruber, dessen Vater, gebürtig in einer Tiroler Wagnerei, hat 1778 in Schlacht eingeheiratet. Johann kann durch ein Zeugnis der Innung in Wasserburg seinen Beruf nachweisen. Dessen Sohn Josef (*1813), auch Wagner, hat das Geschäft übernommen.

1899 verstirbt Franz-Paul Grasberger in Richmond mit 70 Jahren. Frau Margaretha hat 1909 noch gelebt. Schon der Vater hat vor 1877 sein Geschäft ausgebaut und das in zwei zweistöckigen Industriegebäuden. Sohn Julius hat 1885 den Betrieb übernommen. Über seine Heirat und seine Kinder haben wir keine Daten, außer über Tochter Sylvia, die 1908 als stolze „Chauffeuse” ein „Vehikel” über die Straßen von Richmond werbewirksam steuert. Und das als Frau, so können Stadtgespräche entstehen. Das zeigt auch, dass man die Zeichen der Zeit erkannt hat. Das Automobil war längst erfunden und löst zunehmend die Kutsche ab. Auf dem Land wird es allerdings noch lange dauern, hier ist das Pferd noch der „Motor” und Kutschen sind weiter nötig. Dass Julius Grasberger jetzt auch „Agent” (Gebietsvertretung) für Autos der Marke „Schacht Auto-Runabout” ist, das ist er den Kunden schuldig, denen die Kutsche nicht mehr genügt. Außerdem wird für die Werkstatt auch „Lackieren, Überhohlen, Polster und Reparieren” angeboten. Mit dem in der Werbung von 1908 gezeigten Modell von Schacht, wird Grasberger nicht mehr das große Geschäft gemacht haben. Das Auto sieht aus, wie Grasbergers Kutschen, mit einem Motor versehen. Vielleicht hat er es auch probiert. Ab dem gleichen Jahr bot Ford sein Modell „T” an. Es war schon ein Auto im heutigen Sinn. Damit hat Ford den Geschmack der Zeit getroffen, oder für Jahrzehnte mit formuliert. Das erste Auto, das mit Fließbandtechnik fabriziert wurde. Bis 1927 wurden 15 Millionen Stück „T” verkauft. Den Rekord des meistverkauften Automobils hielt Ford damit bis 1972. Der Aufstieg der Familie Grasberger erinnert an den Slogan „vom Tellerwäscher zum Millionär”, der wohl bei vielen auswanderungswilligen Deutschen die Entscheidung mit beeinflusst hat. Ob es in Richmond in Virginia heute noch Leute mit dem Namen Grasberger gibt, darüber wurde nicht recherchiert. Jedenfalls werden es Bayerische Einwanderer vor dem Ersten Weltkrieg, wenn sie den urbayerischen Namen Grasberger gelesen, dies wie einen Willkommensgruß empfunden haben.

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Wie eine Malerfamilie Glonn prägte


von Hans Obermair©
erschienen am 7.9.2022 in der Ebersberger Zeitung/Lokalteil

Auf den Spuren der Behams und ihrer Bedeutung für die Kunstge­schichte

Vor ein paar Monaten feierte Glonn den 125. Geburtstages des Malers Georg Lanzenberger. Er wird gewiss der Maler sein, der nicht nur die meisten Werke hinterlassen hat, sondern auch der mit den meisten Glonner Motiven. Lanzenberger war aber bei Weitem nicht der Glonner Maler mit der größten Bedeutung für die Kunstgeschichte. Hier sind die Mitglieder der Glonner Malerfamilie Beham zu nennen.

Die Behams sind 1718 aus Aich, Pfarrei Jesenwang (Fürstenfeldbruck) zum „Vogl” in Herrmannsdorf übersiedelt. Warum, können wir nur vermuten: Der Achtelhof „Vogl” war im Eigentum des Klosters Beyharting, dessen Kir­che ab 1668 umgebaut und um 1730 von Johann-B. Zimmermann stuckiert und ausgemalt wurde. Der Zuzug der Behams erfolgte also in einer Zeit, in der das Kloster vermutlich zahllose Künstler beschäftigte. Dass die Familie Beham wegen der Arbeit an der Klosterkirche diesen Umzug ins rund 70 Kilometer entfernte Herrmannsdorf und noch dazu in dieses klösterliche Obereigentum unternahm, lässt einen Zusammenhang vermuten. Über­dies hätte man sicher keine Probleme gehabt, den „Vogl” mit hiesigen Leu­ten zu besetzen. Dass dann der im Dezember 1718 in Glonn getaufte Sohn Jakob Maler wurde, könnte bedeuten, dass der zugezogene Vater auch schon einer, oder zumindest ein Bauhandwerker war.
Während Sohn Martin (*1711) beim „Vogl” übernimmt, heiratet Jakob die Glonner Naglschmiedtochter Maria Rieder. Das junge Paar kann wohl im Zusammenhang mit der Heirat 1749 das der Pfarrei Glonn grundbare Hechenberger-Anwesen in Westendorf beziehen, wo die ersten sechs Bu­ben zur Welt kommen. Der siebte Sohn wird dann im Naglschmiedanwe- sen „am Berg”, der Heimat der Frau, geboren. 1763 übernahm man näm­lich den „Naglschmied”. Der neue Hausname wechselt jetzt zum „Moier am Berg”. Und das bis heute. Vater Jakob verstirbt, wie es heißt erblindet, dort als „Piktor” (Maler) 1794. Von ihm sind keine Kirchenarbeiten be­kannt. Er wird seinen Söhnen das ehrbare Handwerks des Malers beige­bracht haben, so wie er es wahrscheinlich von seinem Vater übernommen hat. Um 1749 wird er sich mit dem Erwerb des „Gütls” in Westerndorf nächst dem Schloss von Zinneberg selbstständig gemacht haben. Der aus­laufenden Barock mit seinem letzten „Aufbäumen” im Rokoko, wird sich auch auf die Kundschaft ausgewirkt und dem „Maler am Berg” die überle­bensnotwendigen Aufträge zugespielt haben: Schränke, oder auch schon die eine oder andere „Lüftlmalerei”, wie es allmählich bei den Reicheren modern wird. Sonst hätten nicht schon die Söhne, kaum 20, in dieser Diszi­plin etwas leisten können.

Zwei der Söhne, der 1752 geborene Johann-Baptist und Michael (* 1757) haben sich dem Malerhandwerk verschrieben. Bruder Phillip-Jakob (*1760) übernimmt 1794 das Anwesen, eventuell auch als Maler. Bevor des­sen Sohn Johann um 1828 das „Sach” an Breit verkauft, schließt er mit dem „Weigl” im nahen Ursprung 1821 noch einen wichtigen Vertrag: Die­ser liefert ihm das Trinkwasser. Die Gegenleistung war: Der „Moier” hat dem Lieferanten jährlich eine Heilige Messe lesen zu lassen.
Johann-B. (* 1752) heiratet 1785 die Malerstochter Maria Gail aus Aibling. Wahrscheinlich konnte er schon Jahre vorher beim Schwiegervater, der 1770 als Kirchenmaler beschrieben ist, sein Können beweisen, sonst wäre er für die Heirat mit der Tochter und die folgende Geschäftsübernahme nicht „würdig gewesen.
Auch bei Michael Beham ist anzunehmen, dass er im Betrieb des Malers Gail in Aibling und später in dem des Bruders Johann-Baptist gearbeitet hat. Jedenfalls ist Michael schon 1781 an der Glockenhaustüre in Ellbach für Arbeiten an dieser Kirche als„Mallerssohn von Glonn” verbürgt. Und Ellbach dürfte das Gäu des Kirchenmalers Gail gewesen sein. 1788 wird Michael bei der Arbeit am Tabernakel in Au „Mallersgsell in Aibling ge­nannt. Ab spätestens diesem Zeitpunkt wird sein Wohnort auch in Aibling gewesen sein. Für 1808 ist dokumentiert, dass er für Katharina Kirchberge- rin von „Rabtal” einen Kasten „gemalen” hat. Es wird wohl „Radtal” in der Pfarrei Niklasreuth gewesen sein. Denn Namen Kirchberger gibt es dort zuhauf. Auch Michaels Wohnsitz von 1809 in „Ratzenlehen nächst Mies­bach” passt hierzu. Dort gibt es zwei Sechzehntelanwesen, die zur Herr­schaft Wallenburg gehören. Dem Namen nach keine „gute Adresse”. Dies ist aber auch das letzte Lebenszeichen des Michael Beham. Er dürfte zu diesem Zeitpunkt (noch) ledig, und wahrscheinlich in Arbeitsabhängigkeit seines Bruders Johann-B. gewesen sein.

Wir haben noch die Zeit Napoleons und seiner Kriege. Ein Sterben durch oder in einem Krieg kann nicht ausgeschlossen werden, und das irgendwo. Im Vergleich zu seinem Bruder Johann dürfte Michael nie oder kaum die Möglichkeit gehabt haben, seine eigene künstlerische Handschrift zu zei­gen. Eher ein Leben ohne oder nur mit wenig „Applaus”, das kann natür­lich in Richtung „Abgrund” führen, so wie wir es auch bei andern begabten Künstlern beobachten können.

Als selbstständiger Meister am Landgerichtsort Aibling kann Johann-B. in seiner Familientradition aufgehen. Der gute Name, die guten Verbindun­gen und natürlich auch gut ausgebildetes Personal, die sind vom Schwie­gervater schon da. Man muss nicht mehr „Klinkenputzen” und kann sich umso mehr auf die Kunst konzentrieren. Prof. Gerdi Maierbacher-Legl nimmt an, dass Johann-Baptist bei seinem Schwiegervater Johann-Georg Gaill die Technik der Frescomalerei erlernt hat, „da er wie dieser durch sei­ne Deckengemälde in ländlichen Kirchen und durch die Fassadengestal­tung reicher Bauernhäuser bekannt geworden ist”.

Johann-Baptists Schaffen ist in der Zeit von ca 1772 bis 1823 festzustellen. Seine erste bekannte Arbeit ist die Außenbemalung des Wiedenbaurhofes zu Schreiern (Leizachtal). Der Hof wurde 1772 erbaut. Die Bemalung könn­te in diesem Jahr begonnen worden sein. Eine Reihe von Autoren weisen diese Arbeit wechselnden Mitglieder der Familie Beham zu. Johann Baptist ist zu diesem Zeitpunkt erst 20 Jahre alt; sein Bruder erst 15 und der Vater 54. Nimmt man an, dass es ein Gemeinschaftswerk war, so kann durchaus auch der Vater mit einbezogen werden. Ein Schrank von 1778, der die vier Jahreszeiten zeigt und im Bayerischen Nationalmuseum in München steht, ist signiert mit„J. Pöhamb pinxit (Maler) in Glon coficion (hergestellt) in El­bach”. „J” könnte auch für „Jakob” dem Vornamen des Vaters stehen. Er war damals 60 Jahre alt.

Ein Spätwerk von Johann-Baptist ist die Decke der Glonner Pfarrkirche vom Juli 1823. Es stellte Szenen aus dem Leben des Heiligen Johannes dar. Der damalige Pfarrer nennt das Werk eine „mittelmäßige Arbeit”. Wahr­scheinlich wurde es unter Zeitdruck geschaffen, denn die Einweihung der Kirche erfolgte bereits am 18. August 1823. Wenn man bedenkt, dass das Gerüst vor der Weihe auch noch abzubauen war, so blieben dem Maler vielleicht nur vier Wochen für sein Werk.

Prof. Gerdi Maierbacher-Legl schreibt: „Die Möbeldekorationen der Gebrü­der Böheim gehören zum Liebenswürdigsten und zugleich Qualitätvolls­ten, was uns aus der Blütezeit der oberbayerischen Möbelmalerei zwi­schen 1770 und 1820 erhalten ist”. Vergessen wir nicht: Die Grundlage hierfür wurde in Glonn gelegt!

Die Bedeutung der Familien Beham für die Glonner Geschichte ist aber mit den Malern bei weitem nicht vollständig dargestellt. Martin Beham (*1711), der das „Vogl-anwesen” in Herrmannsdorf übernimmt haben wir ei­nen weiteren, für Glonn geschichtsträchtigen Familienzweig. Sein Sohn Ferdinand (* 1750), heiratet 1750 Maria Wäsler. Sie ist die Tochter des Franz-Seraph Wäsler, „Faber-Lignari (Zimmermann) und Archtictus”. Drei der Nachkommen dieses Zweiges werden einmal Glonns Gemeindevorste­her/Bürgermeister sein: Mathias Beham von 1821-1828, Mathias Beham (sein Sohn) 1866-1869 und dessen Bruder Johann 1881-1887. Alle drei, be­sonders aber Johann, der „Christimüller” haben wesentliche Grundlagen für das heutige Glonn geschaffen. Und so war 1718, als Jakob und Elisa­beth Beham wohl auf Initiative des Klosters Beyharting beim „Vogl” in Herrmannsdorf zuzogen, gewissermaßen eine „Sternstunde” für Glonn.

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Abschied von einem Stück Ge­schichte


von Hans Obermair©
ergänzt mit Bildern aus dem Archiv Markt Glonn
erschienen am 22.4.2022 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Glonner „Neuwirt“ wird gerade abgerissen – Ein Haus, das viel erlebt und viel zu erzählen hat.

Häuser stehen nicht nur auf einem Grundstück oder einer Flur­nummer, sondern auch auf dem Boden ihrer Geschichte. Wenn ein Haus abgerissen und neu gebaut wird, wird die Geschichte übernommen.

Eigentlich hat die Geschichte des Glonner „Neuwirt” im Mühltal begonnen. Die heute „Christlmühle“ genannte Mühle stand nämlich früher im Mühl­tal. Wegen eines Streits wurde diese Mühle um 1560 an die jetzige Stelle verlegt. Wohl der Obereigentümer, das Kloster Ebersberg, ließ die Glonn entsprechend verlegen. Irgendwann vor 1671 wurde der Mühle das „Kuchlmayranwesen“, auch im Obereigentum des Klosters, zugeordnet, wohl als Sitz der Mühlen-Landwirtschaft, zugeschlagen. Auf diesem Grund­stück stand das Anwesen, in dem 1862 der „Neuwirt“ eröffnet wurde, in dem die Kollerbuben Karl, Josef und Wolfgang geboren wurden, und das seit 1971 Parkplatz war.

Das alte Zuhaus

Die „Untereigentümer“ der Christlmühle nannte man anfangs einfach „Christlmiller”. Ab etwa 1700 wurde der Familienname genannt: Wild, Dötsch und ab 1777 Schlickenrieder. Anton Schlickenrieder war es dann, der über die „Bauernbefreiung“ volles Eigentum erhielt. Sohn Sebastian wollte die Erfolgsgeschichte der Familie fortsetzen und eröffnete 1862 in Haus Nummer 37, dem landwirtschaftlichen Anwesen der Mühle, die zwei­te Glonner Gaststätte, den „Neuwirt“. Ein rund fünfjähriger Streit ging mit den Behörden und dem „Platzhirsch”, dem Glonner „Postwirt“ Wagner, voraus. Damals war bei einer Gewerbeeröffnung auch die „Bedürfnisfrage“ zu klären. Wagner, der ja hohe öffentliche Ämter inne hatte, konnte durch seinen Einfluss und seine Argumente einen Bedarf jahrelang vereiteln. Es muss aber doch, wohl wegen der Praktiken des Wagner und auch wegen der fünf Glonner Brannweinschänken, einen „echten“ Bedarf gegeben ha­ben, sonst hätte der Kandidat für den Gemeindevorsteher (Bürgermeister) Bonifaz Gruber nicht als Wahlversprechen ausgegeben, wenn er die Wahl gewinne, werde es in Glonn einen zweiten Wirt geben.

Dass es im Grunde damit auch dem „übermächtigen“ Wagner „gezeigt“ werden sollte, beweist, dass das etwa 1864 fertig gestellte neue Gebäude des „Neuwirt“ für damalige Verhältnisse für die bauliche Umgebung zu wuchtig und für den Bedarf völlig überdimensioniert war. Das Gebäude war nach der Kirche das zweithöchste und größte in Glonn; um ein Stock­werk höher als die „Post“, wenn es auch von Gesamtgrundfläche kleiner war. Aber von weitem sichtbar, natürlich auch von der „Post“aus.

Dass der Repräsentationswunsch des Schlickenrieder bei weitem den ech­ten Bedarf übertraf, steht fest. Fazit: Auch die Schlickenrieder wollten es dem Wagner „zeigen“, zumal Glonn, wenn auch Pfarr- und Gemeindemit­telpunkt, ein mehr oder weniger bedeutender Ort war. Hätte es nicht die vier Jahrmärkte gegeben, hätte Glonn überregional keine Rolle gespielt Die Bahn gab es erst 30 Jahre später. Kaufmännische gesehen war dieser „Prunkbau“ also eine Fehlkalkulation. Das beweist auch, dass 1876 wohl der Hauptbetrieb die Christlmühle mit Mühle, Säge und Branntweinbren­nerei, verkauft werden musste. Käufer war der Adlinger Johann-Baptist Beham, der von 1881 bis 1887 Glonns Bürgermeister war. Er war auch Bau­meister und Planfertiger. Viele Glonner Gebäude stammen aus seiner Hand.

Sebastian Schlickenrieder konnte also nur mehr seinen „Neuwirt“ mit dem alten Anwesen nebenan 1885 an Sohn Josef übergeben. Im gleichen Jahr heiratet dieser Theres Schuster, eine Bäckerstochter aus Großhelfendorf. Sicher mit einiger „Mitgift“, aber die wird nicht ausgereicht haben, sonst hätte er nicht 1890 an das Ehepaar Josef und Magdalena Mayer verkauft. Für Magdalena war Josef der dritte Mann, zwei waren schon jung verstor­ben. Beide waren auf dem „Metzgeranwesen“ und betrieben dort die Jahr­hunderte alte Metzgerei. Das „Metzgeranwesen“ behielt man. Mitgenom­men wurde nur die Metzgerei, die man erst einbauen musste. Aber auch die fünf Kinder des Paares und zwei aus zweiter Ehe bekamen mit dem Kauf ein neues Zuhause. Weitere drei Kinder sind im „Neuwirt geboren.

Vor dem Neuwirt: 2.v.r.: Josef Mayer; 2.v.l.: Magdalena Mayer ca. 1905

Die Glonner Dichterin Lena Christ, als gegenüber dem Neuwirt 1881 gebo­renes „Hansschuasta-Lenei”, hätte über die Schlickenrieders und die May­ers mehr erzählen können. Alles was sie in ihren Romanen und Erzählun­gen über das Wirtshausleben zum Besten gibt, wenn auch manchmal un­ter anderen Namen, hat sie beim Nachbar Neuwirt mitbekommen. Und so hat sie auch, nach vielen Schicksalsschlägen, einige ihrer Landaufenthalte beim „Neuwirt“ verbracht.

Josef Mayer war ein tüchtiger Wirt und Metzger und auch dem Modernen aufgeschlossen. Dafür spricht ein Inserat, dass der Wirt schon 1898, das Jahr in dem Glonn die Elektrizität erhielt, zu einem Gartenkonzert mit elek­trischer Beleuchtung einlud. Sein 1890 geborener Sohn Ludwig schreibt, der Vater habe mit seiner Gitarre die Gäste beim Gesang begleitet. Wo­möglich habe er vom Vater die Musikbegabung. Der „Neuwirt“ war in Glonn bis zuletzt die Herberge der Sänger und Musiker. Diesem Umstand habe er auch zu verdanken, dass er als Sechsjähriger beim „Faßrainer“, dem Musikmeister, das Violinspiel erlernen durfte. Mit 13 kam ein Blasin­strument dazu. Das all war die Basis, dass Ludwig schon mit 18 zur Militär­musik genommen wurde. Musiker war sein Lebensziel. Doch das Schicksal wollte es anders: Der Tod des Vaters 1914 ließ ihn zum „Neuwirt“ werden, denn der ältere Bruder Markus (Max), der gelernte Metzger, wollte daheim nicht übernehmen. Der Max übernahm lieber das Metzgeranwesen. Für Glonn eigentlich ein Glücksfall. Ludwig diente so zeitlebens der Glonner Musi: Blasmusik, Kirchenmusik, Salonorchester, Chöre. Zwischen den Krie­gen und nach dem Zweiten kamen viele gute Musiker zum Neuwirt, schlie­ßlich hatte er auch eine Metzgerei.

“der Neuwirt” Ludwig Mayer (*1890+1977)

Von 1929 bis 1933 war Ludwig Mayer Glonns Bürgermeister. Der Rathaus­bau und das Wappen fallen in seine Zeit. Wegen der Naziherrschaft muss­te er „gehen“. Kein Wunder, dass er das Risiko auf sich nahm, in den Drei­ßigerjahren den Juden Baum mit Familie zu beherbergen. Dass sein Haus von Glonner Nazis mit „Judenwirt“ betitelt wurde, dürfte ihn nicht beson­ders berührt haben. Schließlich waren Onkel und Bruder seiner Frau Ma­ria, geb. Winhart, mit der er 1921 die Ehe einging, Priester. Dazu passt auch, dass ihn die einmarschierten „Amis“ 1945 wieder als Bürgermeister haben wollte. Mayer lehnte ab.

Der Neuwirt 1909

Von den vier Kindern, Maria, Ludwig, Martha und Mathilde übernahm Mar­tha Wirtschaft und Metzgerei. Ihr Gatte Xaver Kronthaler war ein guter Metzgermeister und ein guter Wirt. Er hatte es mit diesem in die Jahre ge­kommenen großen Haus nicht leicht. Er und seine Frau hielten nicht nur das Haus gut in Schuss, sondern vergrößerten 1971 um den Lena-Christ- Stüberl-Anbau. Von den drei Kindern Franz, Angelika und Hermine über­nehmen Franz mit seiner Frau Angelika die Metzgerei und Angelika mit Ehemann Robert die Wirtschaft. 2001 wurde die Wirtschaft dann geschlos­sen. Die Metzgerei wurde noch weitergeführt. Die Gasträume mietete die Marktgemeinde Glonn, um hauptsächlich den großen Saal für diverse Ver­anstaltungen anbieten zu können.

Im neuen Anbau das “Lena Christ Stüberl” , 1971

Die neue Zeit mir ihren betriebswirtschaftlich Vorgaben lässt als Möglich­keit eigentlich nur mehr den Abriss und den Neubau dieses großen Hau­ses sinnvoll erscheinen. Diese Zäsur lenkt natürlich den Blick zurück an dieses Haus und die dienstbaren Geister, die dieses Haus nicht nur am Le­ben hielten, sondern auch belebten, als Mittelpunkt der Glonner Kultur und Gastlichkeit. Wer denkt da nicht gerne zurück an die „Sali” (Salome) die ihr ganzes Leben zum „Dienen“ auf dem Haus blieb, die, manchmal eingeschlafen den letzten Gast abwartete, bis es dem „recht“ war.

Die Neuwirtstür – auch im neuen Gebäude wird sie zu finden sein.

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Am ersten Tag meldeten sich 21 Männer


von Hans Obermair
erschienen am 8. März 2022 im Lokalteil der Erbersberger Zeitung

Die Feuerwehr Glonn feiert heuer ihr 150-jähriges Bestehen – Blicke in die Anfänge

Eine Gruppenaufnahme der Glonner Feuerwehr, die wahrscheinlich zum zehnjährigen Bestehen 1882 entstanden ist. Foto: ©Hans Obermair

Glonn – „Gott zur Ehr – dem Nächsten zur Wehr“ steht auch der Fahne der Glonner Wehr. Mit diesem Spruch soll gesagt sein, dass Feuerwehren nicht vordergründig Dienstleistungsunternehmen sind und sein wollen, sondern dass die Kultur des Helfens im Vordergrund steht. Die Bereitschaft und den Zwang, sich dem Feuer zur Wehr zu setzen, gibt es schon länger als jene menschliche Errungenschaft, selbst Feuer zu entfachen. Die Bereitschaft, auch dem Nächsten vor Feuerschaden zu bewahren – und damit sogar einen eigenen Nachteil in Kauf zu nehmen, ist ein Kultursprung in der Menschheitsgeschichte.

Allmählich gaben sich die Menschen auch Gesetze. Im Bereich des Feuerschutzes hatten sie ihre Aufgabe nicht allein darin, bei Feuersbrünsten regelnd einzugreifen, sondern auch dem Feuerschutz vorbeugend zu dienen. Die vierteljährliche Beschau der Feuerstätten durch den „Dorfvierer“ ist vorgeschrieben. Seit 1554 gibt es bei uns ein Feuerstättenverzeichnis.

Die Mittel zur Brandbekämpfung waren primitiv. Bis zur Entwicklung der Handspritze gab es nur den Kel, der von Mann zu Mann, vom Dorfweiher zur Brandstätte gereicht wurde. Hierin haben viele künstliche Dorfweiher ihren Ursprung. Ebenfalls wichtige Brandutensilien waren die Feuerleiter und der Feuerhaken. Alarm wurde mit den Kirchglocken und dem Signalhorn gegeben. Brandstiftung wurde als Strafdelikt schon in den Rechten des Mittelalters differenziert behandelt. Man unterschied zwischen Brandstiftung (Vorsatz) und „Feuerverwahrlosung“ (Fahrlässigkeit). Bei der Brandstiftung war die Todesstrafe fällig.

Durch das „Organische Edikt über die Bildung von Gemeinden“ von 1808 wird das Feuerschutzwesen auf die Landgemeinden übertragen. Alle Männer zwischen 18 und 55 Jahren waren in der „Pflichtfeuerwehr“ zur Hilfeleistung und wohl auch zu Übungen verpflichtet. Auch für die Gemeinde Glonn gab es eine „Lokallöschordnung“. 1866 lesen wir vom Bau eines Feuerwehrgerätehauses mit zwei Einfahrten. 900 Gulden für die Spritze und 507 Gulden für das Spritzenhaus. Die alte fahrbare Spritze, mit 300 Schuh Schlauch (ca. 90 Meter), die schon 1861 erwähnt ist und vermutlich 1856 vom Glonner Arzt und Bader Georg Mayr der Gemeinde gestiftet wurde, war als „Wasserzubringer“ gedacht.

Die Siebzigerjahre des vorletzten Jahrhunderts waren „Gründerjahre“ für die Freiwilligen Feuerwehren. Allein im Bezirksamt Ebersberg wurden in diesem Jahrzehnt 23 freiwillige Wehren gegründet. Warum? Wahrscheinlich waren die Pflichtfeuerwehren als behördliches Instrument ihren Aufgaben nicht mehr gewachsen. Überdies war dieses Jahrzehnt ja auch eines, in dem viele Vereine gegründet werden. Ein gewonnener Krieg und die Reichsgründung sowie der sich daraus ergebende Patriotismus, waren dafür sicher ein Hintergrund.

Der 24. Mai 1872 war sicher wieder, so wie 240 Jahre vorher die Schlacht auf dem Kugelfeld im Jahre 1632, ein Schicksalstag für Glonn: Es ist die Geburtsstunde der freiwilligen Feuerwehr. Der Glonner Chronist Pfarrer Niedermair berichtet uns, dass am ersten Tage schon 21 Mann beigetreten sind. Im Laufe des Jahres sind es dann schon 94 Mitglieder. Zum Vorstand des neuen Vereines wird Apotheker Birzer (stammt aus Regensburg) gewählt. Aber auch eine einfache Standarte, die es heute noch gibt, wird angeschafft. Kommandant ist der Wirt und Posthalter Wolfgang Wagner sen., er ist später auch Mitglied des Land- und Reichstages. Selbstverständlich ist er auch Gründungsmitglied des neuen Vereines.

Während 1873, der Vorstand noch von einem regen Vereinsleben und großer Begeisterung berichten konnte, hatte der Verein bereits 1875 seinen ersten Tiefpunkt. Der Gemeinderat beschloss mit 6:1 seine Auflösung. Ein Grund ist nicht angegeben. Vielleicht hatte sich mit dem neuen Verein das Feuerlöschwesen zu sehr verselbstständigt, hatte doch vor 1872 die Gemeinde allein das Sagen. Der Verein konnte aber kraft eigener Statuten von der Gemeinde nicht aufgelöst werden. Eine Vereinsversammlung wurde einberufen, die gegen die Auflösung stimmte.

Birzer verlässt 1876 Glonn. Neuer Vorstand wird Bürgermeister Nikolaus Niedermair. Vielleicht war er die Stimme gegen die Auflösung des Vereines. 1877 übernimmt Kommandant Wagner den Vorstand. 1878 folgt ihm der Lehrer Josef Hecht, der zugleich Gemeindeschreiber ist. 1880 wird Kommandant Wagner wieder Vorstand, diesmal für 22 Jahre – bis zu seinem Tod 1902. Ab 1875 ist er auch Mitglied des Bezirksfeuerwehrausschusses. Unter Wagners Vorstandschaft wird 1880 der Metzger Maier, 1884 der Käser Türk und 1889 sein Sohn Wolfgang Wagner jun. Kommandant. Letzterer bleibt es bis zu seinem Tod 1912.

Es schaut so aus, als hätte sich die Glonner Feuerwehr erst ab 1880 voll etabliert. Zu diesem Zeitpunkt war aber auch die erste Investitionsphase, nämlich der Bau eines Feuerwehrgerätehauses (ca. 1877), der Umbau der Spritze (800 Mark 1877), die Anschaffung eines Mannschaftswagens (418 Mark 1880). Sicher haben auch erfolgreiche Einsätze, so beim Brand in Reinstorf (1873), und des Schlickenrieder-Hinterhauses (1873) zum guten Ruf beigetragen. Die Feuerwehr war ein Stück Sicherheit. Als Zeichen der Anerkennung darf gewertet werden, dass 1881 der 6. Bezirksfeuerwehrtag in Glonn abgehalten wurde.

Der 150. Geburtstag der Feuerwehr wird vom 1. bis 4. Juli in Glonn gefeiert. Eine dann erscheinende Chronik wird über die gesamte Geschichte berichten.

zuück

 

Maler der Heimat


von Hans Obermair©
erschienen 1. März 2022 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Zum 125. Geburtstag des Glonner Künstlers und Bürgermeisters Georg Lanzenberger

Aus bestem Haus: die Eltern angesehene Glonner Wirtsleute und der Vater zudem ab 1899 Bürgermeister. Noch dazu der, der 1901 Glonn zum „Markt“ machte. In dieses „gemachte Nest“ wird am 24. März 1897 als fünftes von sieben Kindern Johann-Georg Lanzenberger geboren, der später als Maler eine lokale Berühmtheit wurde – und heuer eben seinen 125 Geburtstag feiern würde.

Die siebenjährige Volksschule besuchte Johann-Georg Lanzenberger in Glonn und wie es bei Wirtskindern so üblich war, hatten ihn sicher auch das elterliche Wirtshaus und seine Gäste mit erzogen. Der 1907 gegründete „Glonnthaler“ Trachtenverein hatte in der „Lanz“ seine Herberge. 1909 ist Georg sein „Taferlbua“. Schon als Sechs- oder Siebenjähriger malt er, wohl von einem Foto, das alte Wirtshaus, sein Geburtshaus.
Der erst 17-Jährige wollte ab 1914 zusammen mit seinem Freund Karl Kol­ler, dem Sohn des Ortsgendarmen, die Welt sehen. Schon in England holte sie der Krieg ein. F Lanzenberger bedeutete das vier Jahre Internierung, aber glücklicherweise auch ein Kunststudium. Aus dieser Zeit sind erste Kunstwerke bekannt.

1918 wieder zu Hause, wohl als „Wirtssohn“ tätig, konnte er in den Folge­jahren in München sein Kunststudium, unter anderem bei Professor Geiger und auch Olav Gulbranson, vollenden. Ausstellungen, unter anderem auch 1927 im Münchner „Glaspalast“ und das Atelier in Schwabing sind Stationen des Künstlerlebens, das auch in Glonn stattfand. Wohl auch wegen der „Nahrungsquelle“ im elterlichen Anwesen.

1929: Lanzenberger ist zu diesem Zeitpunkt in der Mitte der Dreißiger und ledig. Dem gut aussehenden Künstler hat es sicher nicht an Bekanntschaften gefehlt. Die Wahl fällt auf die drei Jahre jüngere Anna-Maria Stettmayer, die am 2.6.1932 seine Frau wird. Die standesamtliche Trauung ist in München und die kirchliche auch. Die Ehe blieb kinderlos. Im gleichen Jahr zieht das Paar nach Glonn und mietet das ehemalige Forstmeisterhaus in der Glonner Filzen. Neben Schaf- und Hühnerzucht versieht Lanzenberger auch die Kasse und Verwaltung seines Bruders Kino in der „Lanz“.

Die Machtergreifung durch die „Nazis“ am 30.3.1933 änderte am Leben von Georg Lanzenberger zunächst wahrscheinlich nichts. Es ist nicht bekannt, wie er politisch interessiert war. Mag schon sein, dass Hitlers „Aufräumen“ zum Beispiel mit der unglücklichen Weimarer Republik, wie bei vielen, bei Georg Lanzenberger auch Beifall fand und er deshalb am 1.5.1933 Parteimitglied wurde. Zu diesem Tag musste auch die Zusammensetzung der Gemeinderäte nach dem Reichstagswahlergebnis vom 5.3.1933 neu geregelt werden. Erster Bürgermeister blieb Ludwig Mayer, Zweiter wurde letztlich Bruder August, der von der NSDAP bestimmt wurde. Erst als Mayer am 30.8.1933 aus „Gesundheitsgründen“ zurück trat, ging auch der Zweite, wohl deswegen, weil sein Bruder Georg Lanzenberger von Ebersberg aus zum Ersten Bürgermeister bestimmt ist.

In Glonn gab es aber auch Widerstand. In einem Monatsbericht 1935 heißt es „Die Bauern lernen allmählich die Gesetzte der NS-Regierung begreifen und man sieht den ehrlichen Willen mitzuarbeiten. Die Gegner und Hetzer befinden sich nur mehr in den Kreisen der Geschäftsleute und des Klerus. Letzterer kämpft mit allen Mitteln um die Jugend.“

Mag auch sein, dass Lanzenberger deswegen am 24.2.1937 seinen Austritt aus der katholischen Kirche erklärt hat, auch in dem Wissen, dass dies bei der Bevölkerung nicht bekannt wurde, aber sicher bei seinen Vorgesetzten Punkte brachte.

Inwieweit Lanzenberger während seiner Bürgermeisterzeit der Malerei nachging, ist kaum nachzuvollziehen. Bekannt sind von 1934 zum Beispiel zwei Versionen des Glonner Marktes, wie er ihn von seinem Amtszimmer aus sah.

Über Lanzenberger gibt es so manche belastende Aussage. Gegen ihn sprechen die vielen Einberufungen, die er mit gutgeheißen hat. Noch dazu, wenn die Einberufenen gefallen waren. Alban Huber, einer der Akteure des „Pfingstlümmels 1936“ verhält sich zurückhaltend. Er, sein Bruder und seine Schwestern waren an verschiedenen Aktionen gegen die Nazis beteiligt und hatten von daher mit dem Bürgermeister nicht die besten Erfahrungen. Hier sei angemerkt: Keiner kam in ein KZ.

Insbesondere die zwölfjährige Amtszeit gibt Anlass zur Vermutung, dass er ein „Nazi“ war. Damit hätte er die Ideologie er das Wohl des Ortes und seiner Bewohner gestellt. Hätte er es anders gewollt, hätte er ja „aussteigen“ können, so könnte man nach heutigem Verständnis folgern. So einfach war es aber in der Nazizeit nicht. So etwas hätte man als offenen Widerstand gewertet, der sicher Folgen, wahrscheinlich auch KZ, bedeutet hätte.

Und so gab es für ihn, der Glonner war und in Glonn viele Bekannte hatte, nur den Weg: Noch oben loyal und nach unten pragmatisch. Von Zeitzeugen wurde immer wieder bestätigt: „Ein Nazi war er schon, aber er hat niemand nach Dachau (KZ) gebracht“. Die Glonnerin Maria Sedlmair schreibt: „Doch darf nicht vergessen werden, dass er viele Bürger von Glonn von dem Grauen des KZ Dachau und vor fürchterlichen Folgen bewahrte.“ Weiter: „Die Gebrüder Alban und Martin Huber, Seiler Hans von Haslach, Spitzer Georg von Gailling, der Wiesmüller Lenz (Kirmair) und Eduard Singer waren schon verhaftet und durften später nach Hause. Ohne Fürsprache von Georg Lanzenberger und Karl Koller hätte es nicht gut ausgesehen“.

Als dann am 1. Mai 1945 in Glonn die Amerikaner einmarschierten, wäre natürlich der Bürgermeister dran gewesen. Aber den gab es nicht mehr, denn, so Pankraz Mennacher, er habe bei Kriegsende mit einer kleinen Gruppe von Antinazis Lanzenberger gebeten, sein Amt als Bürgermeister niederzulegen, um jegliches Blutvergießen zu verhindern, was dieser zusagte.

Lanzenberger wird 1945 für drei Jahre interniert und kann 1948 wieder in Glonn bei seiner Frau im Forsthaus in der Filzen sein. Zuhause nimmt Lanzenberger wieder seine Künstlertätigkeit auf. Es sind vorwiegend Motive aus der Heimat. Soweit es ihm möglich ist, zog es ihn mehrmals an den Gardasee, nach St. Angelo auf Ischia und die kleine Nachbarinsel Procida, um dort südländische Stimmungen auf seine Leinwand zu bannen.

Im Dezember 1949 veranstaltet er in Glonn eine Kollektivausstellung. Wolfgang Koller ehrt ihn in einem Artikel als „Maler der Heimat“. Dass Lanzenberger 1952 auf Veranlassung von Pfarrer Boxhorn wieder Mitglied der katholischen Kirche wird, lässt von beiden Seiten eine Normalisierung erkennen. Die Bürgermeisterkandidatur von 1956 ebenfalls. 1957 gibt es einen öffentlichen Auftrag: Die neu gebaute Glonner Schule verziert er mit dem Zyklus „Hans im Glück“.

Ab ca. 1955 malt er auch in Hinterglas. Laut den Presseberichten steigert sich die Zahl der Ausstellungen des Künstlers bis zur Jahresausstellung. Immer mehr Leute wollen einen oder ein paar „Lanzenberger“ in der Wohnung.
Nach dem Tod seines Bruders Max 1952 musste er sich zur Malerei jetzt ganz um den Betrieb des Kinos im elterlichen Saal kümmern. Es ist anzunehmen, dass er „seine“ Kinotätigkeit erst 1977 mit der Schließung des Kinobetriebes und dem Umbau zum Verbrauchermarkt beendet hat.

1972 gilt es den 75. Geburtstag des Künstlers zu feiern. Bürgermeister Decker zeichnet ihn mit einer Ehrengabe aus. Und seine Malgeräte nehmen immer noch den wichtigsten Platz in seinem Leben ein. 1986 ehrte Bürgermeister Sigl den 89-jährigen als „Aushängeschild des Ortes“. Lanzenberger verstarb 1989. Er wurde 92. Bis zuletzt habe er Pinsel und Bleistift in der Hand gehalten, so die Presse.

Nun sind und werden es die Gedächtnisausstellungen sein, die an den Künstler erinnern. Der Glonner Kulturverein sorgt schon dafür. So auch zum 100. Geburtstag 1997 und jetzt zum 125.. Das eigentliche Gedächtnis an Meister Lanzenberger werden aber die ein paar hundert Bilder sein, in Wohnungen und Ämtern, die dauernd nicht nur an ihn erinnern, sondern auch den Betrachtern Freude bereiten.

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Kurze Chronologie der Geschichte Glonns

ZeitraumEreignis
ca. 2000 vor Chr.
ca.1500 v.Chr.
zwischen 50 und 300 n.Chr.

7 Jhd. n.Chr.
774
1235 bis 1350
1501 oder 1517
1516-1827
1350-1596
1554
1762
1813
1838
1848-1854
1856-1858
1854
1854-1856Bürgermeister Isidor Wäsler, Wiesmüller oder Johann Wäsler, Waslmüller
1862
1858-1865Bürgermeister Bonifaz Gruber, Sattlermeister (1805-1881)
1867
1865-1869Bürgermeister Matthias Beham, Messerschmied
1871
1869-1881
1872
1864
1874
1881-1887Bürgermeister Johann Beham, Christlmüller
1884Gründung des Turnvereins
Das Bild zeigt die "Gründerväter" des Turnvereins Glonn.
1887-1899
1887
1888
1894
1894
1897
1899-1912
1900
1901Markterhebung
Mit Telegramm vom 24.4.1901 wird die Erhebung zum Markt Glonn bekanntgegeben.
1902Gründung des Obstbauvereins am 21.12.1902
1902
1903
1904
1906 Gründung des katholischen Arbeiterverein KAB
1906
1907
1907Gründung des Geflügelzuchtvereins
1907
1912-1919Bürgermeister Johann Kirmair
1914-1918Erster Weltkrieg; Glonn hat 64 Gefallene und Vermisste zu beklagen
1919-1930Bürgermeister Josef Meßner, Schlossermeister
1920Gründung des Spar- und Darlehenskassenverein
1926Wiedergründung des katholischen Gesellenvereins. (Erste Gründung 1854
1926Gründung der Molkereigenossenschaft und Bau der Molkerei am Bahnhof
1929Gründung des Spiel- und Sportvereins vor allem zur "Pflege des Fussballspieles"
1929
1930-1933Bürgermeister Ludwig Mayer, Gastwirt, "Neuwirt"
1931
1931Die Gemeinde erhält ein Wappen
1933-1945Bürgermeister Georg Lanzenberger, Kunstmaler
1.9.1939Beginn des 2.Weltkriegs. Die Gemeinde Glonn verzeichnet 98 Gefallene und 6 Vermisste Bürger.
1.5.1945Am 1.Mai 1945 endet in Glonn mit dem Einzug der Amerikaner der 2.Weltkrieg
3.5.1945 - 1946
1946-1960
1957
1971Erster Erweiterungbau der Schule mit Neubau von Schwimmhalle und Turnhalle
1960-1972Bürgermeister Anton Decker
1968Erster Maibaum seit 100 Jahren
1970Gründung des WSV Glonn
1970Erneuerung und Verbreiterung der Ortsdurchfahrt
1972-1978Bürgermeister Michael Singer
19741200 Jahr Feier
1978Zweiter Erweiterungsbau der Schule mit Neuanlage des Schulsportplatzes
1978-1996Bürgermeister Martin Sigl
1978Gründung der Verwaltungsgemeinschaft Glonn. Im Zuge der Gemeindegebietsreform schließen sich die vorher eigenständigen Gemeinden Moosach, Egmating, Oberpframmern, Bruck, Baiern und Glonn zur Verwaltungsgemeinschaft zusammen mit Glonn als Verwaltungssitz. Siehe auch: Glonn - "Der Weg in die Moderne", Hrsg.: Archiv Glonn: Schriften zur Ortsgeschichte, 2024
1992

1996Gründung des Förderverein für Kinder, Jugendliche und
Familien in der Gemeinde Glonn e.V., "KiJuFa"
1996-2014Bürgermeister Martin Esterl
2002"Jahrhunderthochwasser"
2014Bürgermeister Josef Oswald

Unsere Hausnamen: Da Moar und andere

Dieser Text von Hans Obermair erschien am 19.2.2021 in der Ebersberger Zeitung

Ortsplan von Frauenreuth 1812, bearbeitet von Hans Obermair

Mein Vater hieß Hans Obermair. Seine alten Freun­de nannten ihn aber den „Niedermoar Hans“. Warum? Die Sache ist ganz einfach: Früher, und in ländlichen Ge­genden heute noch, nannte und nennt man die Leute nach dem Hausnamen des Hauses, aus dem sie kom­men. Und mein Vater stamm­te vom „Niedermoar“ in Frau­enreuth. Dieser Hausname ist schon 1501 in den Urbaren genannt und ist sicher we­sentlich älter. Wahrschein­lich hat das Kloster Tegern­see, zu dessen Verwaltung das Frauenreuter Gäu gehör­te, ihren Mairhof in frühester Zeit aufgeteilt und die Teile nach ihrer Lage benannt. Aus­gegangen ist man vom Dorf­mittelpunkt, der Kirche. Und so nennt man in Frauenreuth heute noch diese Anwesen beim „Obermoar“, beim „Nie­dermoar“ (Wirt), beim „Hin- termoar“ und beim „Neumo- ar“ (zu „Noima“ verkürzt).

Diese Aufteilung könnte auf Grund von weiteren Ro­dungen erfolgt sein. Eine ers­te Rodung hat ja dem Ort den Namen „Reuth“ gegeben. Mit der bedeutend werdenden Marienwallfahrt eben dann Frauenreuth. Die fünf weite­ren Anwesen, beim „Huber“, beim „Mesner“, beim „Schäff­ler“, beim „Rumpl“ (Schmied) und beim „Siman“ werden auf weitere Teilun­gen, oder Schenkungen, eventuell durch Rodungen veranlasst, erfolgt sein.

Im südlichen Bayern ist der Hofhame „Moar“ mit allen Varianten besonders häufig anzutreffen. Woher kommt der „Moar“? Reinhard Riepl schreibt: Er war Inhaber ei­nes ganzen Hofes (nach Hof­faß) oder Verwalter eines Gu­tes. Das Wort selbst kommt aus den Lateinischen Major und bedeutet, der, Größere, auf Besitz und Verwaltung bezogen. So nannte man schon die Vorfahren Karl des Großen Hausmaier. Sie ha­ben sich in der Verwaltung bewährt und hoch gedient. Der „Moar“ als der Verwal­tende ist heute noch in ver­schiedenen Sprachen prä­sent. Zum Beispiel in Franzö­sisch ist der „Maire“ der Bür­germeister, oder in Englisch heißt er der „Mayor“. Im bayerischen Dialekt ist der „Moar“ zwar kein Bürger­meister, aber in der Sprache des Eisschießens derjenige, der in der um eine Person we­niger besetzten Gruppe, den Fehlenden zu ersetzten hat, also zweimal dran kommt.

Der „Moar“ ist ein Name mit Bedeutung. Und so ist es nicht verwunderlich dass man zum Beispiel bei einer Einheirat oder eines sonsti­gen Wechsels gerne den „Mo­ar“ mitnahm und sich nach seiner Herkunft nennen ließ. Den „Moar“ gab es bei uns vornehmlich im bäuerlichen Umfeld. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er im Laufe der Zeit auch auf Anwe­sen, die keine „Moargröße“ hatten, Anwendung fand, eben zum Synonym für den Bauer wurde. Wie wäre es sonst zu verstehen, dass es in Landsham gleich ein ganzes Dutzend „Moar“ gab, wie Willi Kneißl nachweist: den Niedermoar, Hintermoar, Weidachmoar, Westermoar, Radlmoar, Geßmoar, Stock- moar, Feldmoar, Neumoar, Thalmoar, Obermoar und den Straßmoar.

Hausnamen können vieler­lei Entstehungsgründe ha­ben. Zum Beispiel beim „Mo­ar“, „Huaba“, „Lehna“ und „Häusler“ ist es die Anwe­sensgröße. Dann die Anwe­senslage, Unter, Ober, Berg, Anger, Feld und so weiter, oft verbunden mit anderen Be­griffen (z.B. Feldmoar). Häu­fig sind Hausnamen auch von Vornamen abgeleitet. Hier ist es in der Regel entweder der Vorname eines frühen, wenn nicht ersten Besitzers oder ei­nes Besitzers durch Hoftei­lung. Kommen innerhalb ei­nes Ortes überwiegend Vor­namen als Hausnamen vor, so könnte das mit der Besied­lung zu tun haben, zum Bei­spiel, wenn sich eine ganze Sippe nieder gelassen hat. Ein weiterer Anlass für Vorna­men: Der Grundherr ist ein Gotteshaus, dessen Haupthei­liger dem Hausnamen be­stimmt: Beim „Glos“ in Stein­hausen war die Nikolauskir­che in Steinhausen nicht nur der Nachbar, sondern auch der Grundherr. Wenn eine Kirche oder Pfarrei Grund­herr war, kommt auch „Wid­dumbauer“ vor, was sich im Laufe der Jahrhunderte zu „Wimmer“ zugeschliffen hat.

Auch Grund- oder Gerichts­herren können Hausnamens­geber sein, wie beim „Klin­ger“ oder beim „Zeller“ (Klos­ter Dietramszell). So auch die Herkunft des Siedler wie zum Beispiel beim „Schwabi“ .Vie­le Hausnamen wiedergeben den Beruf eines früheren Be­wohners, natürlich in Verbin­dung mit allen möglichen Kombinationen (Angerl- schuster usw.) Häufig haben auf Berufe zurückgehende Hausnamen den ursprüngli­chen ersetzt, weil Bewohner jetzt einen Beruf ausübten und natürlich über die Be­rufsnennung sich einen Wer­beeffekt erhofften.

Dass Hausnamen heute manchmal nicht mehr auf Anhieb zu deuten sind, hängt oft damit zusammen, weil sie heute noch im Dialekt ihrer Entstehungszeit gesprochen werden. Zum Beispiel „Moja“ (Maler). Wir nennen zwar heute noch mundartlich das malen „mojn“. Der frühere „Moja“ ist längst zum „Ma­ler“ geworden. Aber auch beim Nachbar des Glonner Moja, beim „Frosch“ lässt sich nicht mehr die Bedeu­tung auf Anhieb erkennen. Die frühen „Froschn’s“ aber werden durch das Fangen von Fröschen ihren Tisch oder gar ihren Geldbeutel aufgebessert haben.

Hausnamen hatten auch rechtliche Bedeutung. Die Fa­miliennamen änderten sich durch Heirat und Wechsel, die Verwaltung aber brauch­te in einer Zeit, wo es keine Straßennamen und Haus­nummern, keine Grundbü­cher gab, „ewige“ Namen. Und so hießen sie auch in ei­ner Verwaltungsvorschrift.
Gräbt man heute einen al­ten Gegenstand aus, der 500 Jahre alt ist, so ist die Sensati­on perfekt. Aber unsere alten Hausnamen, die oft weit älter sind, verkommen zusehends. Obwohl sie Familien-, Besied- lungs-, Wirtschafts-, und Sozi­algeschichte ersten Ranges sind. Überdies sind sie eine Quelle für die Mundartfor­schung. Schade, dass unsere Häuser so ihrer kulturellen Substanz beraubt werden.

 

 

 

Lichtmeß Schlenkeln

Dieser Text von Hans Obermair erschien am 30.1.2021 in der Ebersberger Zeitung

Von Lichtmeß und vom Schlenkln

Eine alte Weisheit sagt: „z´Neijahr a Hahnentritt,  z´Heili Drei Kini a Hirschensprung und                z´Liachtmess a ganze  Stund.“. Gemeint ist der Zuwachs des Tages  seit der Wintersonnenwende. Damit  hat der Volksmund nicht nur der religiösen Bedeutung dieses Tages Rechnung getragen. Mit diesem zweiten Februar,  40 Tage nach Weihnachten,  endete früher  dieser Festkreis,  eben mit der Darbringung des Jesuskindes im Tempel. Also ein hochreligiöses Fest, das  bis 1912 ein gesetzlicher Feiertag war. Woher kommt der Name Lichtmeß?  Von den theologische Anlässern, von denen es mehrere gibt, eher nicht. Plausibler ist das Messen des werdenden Lichts, also den länger werdenden Tag. Der Lichmeßtag ist also auch ein Lostag im Bauernjahr, verbunden mit Lichtsymbolen.  Geblieben sind bis zum heutigen Tag die Kerzenweihe und  die Kerzenspende.

Die Bedeutung des „Liamess´n“, wie es der Volksmund es sagte,  ging aber  in der bäuerlichen Welt über das religiöse weit hinaus: Die Ernte war gedroschen, die Waldarbeit im Wesentlichen getan und  Feldarbeit war nicht möglich. Also ein Schnittpunkt im Bauernjahr, der geeignet war abzurechnen, um Knechte und Mägde zu entlohnen, aber diese auch gegebenenfalls zu wechseln. Bei denen es  während des Jahres hieß: „Heit i´s Liachtmeß“, die sich also  um einen „neuen Platz“ umschauen mussten,  schien etwas „faul“ zu sein. Der Verdacht  eines „Rausschmisses“  erschwerte eine Neueinstellung.  Diese Fälle waren aber relativ selten. In der Regel gab es am  Lichtmeßtag  einen Handschlag zur Weiterbeschäftigung oder stattdessen in einzelnen Gegenden vom  Bauern  gar einen Wachsstock.  In unserer Gegend  schenkten  auch die Knechte den Mägden  Wachsstöcke zum Dank, dass ihnen diese das Jahr über die Kammer sauber hielten,  und die Wäsche gemacht hatten.  Und so konnte so manche Magd ob ihrer Dienste und Dienstjahre stolz auf eine Reihe von Wachstöcken verweisen. Eine angesehener  Beitrag,  zur späteren Zierde ihres „Brautkastens“.

Für die Dienstboten hatte der Lichtmeßtag  seine größere Bedeutung , weil er auch Zahltag war. Da wurde dann das „Ausg´machte“ für das vergangene Jahr, das aus Geld und oder Naturalien bestehen konnte, übergeben. War da auch  Gewebtes dabei, dann wurde es bei der nächsten „Stör“, also wenn die „Naderin“ wieder einmal für Tage oder Wochen auf den Hof  war,  zu einem schicken G´wand verwandelt, oder bei den Mannsbildern zu einem „Pfoad“ (Hemd) werden. Einzeln hatte man da am Lichtmeßtag anzutreten, um das „Seine“ in Empfang zu nehmen, vermutlich auch mit Lob oder Tadel verbunden.  Nicht irgendwo, sondern in der „Kinikammer“ oben, also in der besten Stube des Hauses. Und im Raum unterhalb, so wusste es mein Vater, haben sich die Knechte einen Spaß gemacht und die Decke „aufgespreitzt“, weil da oben ja, nach ihrer Ansicht, Unmengen von Geld lagern mussten.

In der Praxis wird  aber der Wunsch eines Wechsels in vielen Fällen schon deutlich vor dem Lichtmeßtag  angekündigt worden sein. Zur Vermittlung gab es auch die „Verdingerinnen“, die zum Beispiel 1862  in Glonn vom Gemeinderat  bestellt  wurden. Dem überall tätigen „Schmusern“ traute man scheinbar nicht.

War eine Weiterbeschäftigung von einer der Seiten nicht mehr gewollt, wurde das „Dienstbüchl“ ausgehändigt, oft mit dem letzten Eintrag „war ehrlich und fleißig“.

Wer aber an Lichtmeß noch keinen „Platz“ hatte, für diese kam die Schlenkelzeit gerade recht. Während der Dienstbotenwechsel am Lichtmeßtag auch im nördlichen Landkreis Ebersberg  bis in die  Mitte der Fünfzigerjahre  des 20. Jhd. noch Bedeutung hatte,  war bei den „Draussahoizan“ das Schlenkelgeschehen nicht üblich. Die sogenannte Schlenkelwoche, mit dem Haupttag des „Schlenkelpfinsta“ also des Donnerstags,  begann nach dem Lichtmeßtag und dauerte bis zum Ablauf des folgenden Sonntags. So wie am Lichtmeßtag so mussten auch am „Schlenklfpfinsta“  nur die nötigsten Arbeiten auf dem Hof verrichtet werden. Die aber, die wechselten, hatten bis zum Montag, also dem Tag des „Einstandes“ frei. Von da dürfte sich auch er Name „Schlenkeln“ ableiten: Das „Schlenzieren“, wie s bei Schmeller heißt, bedeutete Müßiggang, also Nichtstun. Und das mit dem eben ausgezahlten Jahreslohn in der Tasche. So war so mancher Wirthaustisch mit „Schlenklern“ besetzt. Dass am „Schlenklpfinsta“  in Rohrsdorf (Gemeinde Baiern) über Jahrzehnte der „Wurstball“ stattfand, passte zum vollen Geldbeutel  und zum arbeitsfreien Tag.

Am „Schlenkpfinsta“, waren an  größeren Orten, wie Rosenheim, Holzkirchen oder Wasserburg die Schlenkelmärkte angesagt. In der Regel wurden an diesem Tag auch traditionell Warenmärkte abgehalten. Die Verfügbarkeit des Jahreslohns aber auch das zu den Schlenkelmärkten strömenden  Publikum sind hier sicher Anlass gewesen.

Der Schlenklmarkt selbst, an festen Plätzen, in der Regel Wirthäuser, abgehalten, war ausschließlich den Vermittlung von Arbeit suchenden Dienstboten und Dienstboten suchenden Bauern vorbehalten. Sicher gab es auch genug neugieriges Puplikum. Um auf sich aufmerksam zu machen, trugen die sich anbietenden Dienstboten, ein kleines Ährensträußchen am Hut. War man sich einig, wurde das „Ausg´machte“ per Handschlag besiegelt. Hinzu gab es vom Bauern ein „Drangeld“ (auch Dinggeld) an den künftigen Dienstboten, das, wenn es gegeben und angenommen wurde, ein zusätzliches Zeichen der Einigung war. Das „Drangeld“  war eine Extrazahlung und wurde nicht auf den Lohn angerechnet. Aber auch für die eben Bedungenen eine gute Grundlage um den neuen „Platz“ noch mehr oder weniger ausgiebig zu feiern.

Diese Schlenklmärkte,  beziehungweise diese Art der Arbeitssuche, waren bis in die Dreißgerjahre des 20Jhd. üblich. Wenn auch mit abnehmender Tendenz. Wie es im „Oberbayern“ vom Februar 1933 heißt, werden immer mehr Dienstboten aus Niederbayern „importiert“.  Und das vermutlich nicht auf Lichtmeß bezogen, sondern auch während des ganzen Jahres über. Aber auch die immer wichtiger werdenden Arbeitsämter  haben Vermittlungen übernommen. Das Naziregime hatte versucht, die Schlenkelmärkte für ihre Arbeit zu nutzen: Arbeitsämter agierten jetzt auch auf den Schlenkelmärkten,  und  die Vorlage von Arbeitspapieren war Voraussetzung, bis dann nur mehr „von oben“ genehmigte Wechsel erlaubt waren. Aber auch der Ablauf eines Schlenkelmarktes wurde verändert. Nicht mehr das Ährensträußl auf dem Hut der Arbeitssuchenden war angesagt, sondern ein Efeublatt, Zeichen der Treue und Unsterblichkeit musste jetzt getragen werden. Und der suchende Bauer hatte einen Eichenzweig, auch Zeichen der Ewigkeit,  auf dem Hut zu haben. Wenn eine „Verdingung“ vollzogen war, war ein Blatt abzuschneiden. So wie die Schlenklmärkte, so wurde auch Lichtmeß „umfunktioniert“. Das Licht spielte ja bei den „Nazis“ eine besondere Rolle.