Archiv des Autors: b-kreutzer

Unsere Kartoffel – eine tolle Knolle


von ©Hans Obermair
erschienen am 31.8. 2023, im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Wie die Hackfrucht in der Region Einzug hielt – Entwicklungsgeschich­te des Anbaus

Kaum eine Kulturpflanze hat unseren Speiseplan und damit unser Leben in den letzten 200 Jahren so verändert wie die Kartoffel. Und das in allen Variationen bis hin zu den Spirituosen. Bei Letzteren sind es die Kartoffelbrennereien, die etwa ab 1890 durch die Vergabe von stattli­chen Brennrechten zum Bau vieler Guts- und Genossenschaftsbrennerei­en führten. Ziel war nicht nur die öffentliche Kontrolle der Branntweiner­zeugung, sondern auch zusätzliches Viehfutter, sozusagen als Nebenpro­dukt, die „Schlempe”, zu erzeugen.

Gerade auf leichteren Böden, wie bei uns meist im nördlichen Landkreis, war dies ein großer Vorteil. Der Bau von Brennereien führte nicht nur zu höheren Gesamterträgen im Ackerbau, sondern kam auch dem Umbau der etwa bis 1800 vorherrschenden Dreifelderwirtschaft Sommerung-Win­terung-Brache in die verbesserte Form Sommerung-Winterung-Blattfrucht sehr entgegen. Die Blattfrucht konnte jetzt also durch den Kartoffelanbau erfolgen.
Die Kartoffel war auch eine Basis für mehr Schweine – und über die Schlempe auch für mehr Rindermast. Beides erhöhte den Viehbestand, was durch den vermehrten Düngeranfall eine Verbesserung der Boden­fruchtbarkeit bedeutete.
Dabei ist die Kartoffel keine „hiesige” Pflanze, ist also „Neophyt”, etwa wie heute bei uns das „indische Springkraut”. Unsere Kartoffel, die ihren Ur­sprung in den Höhen Südamerikas hat, hat uns nicht „illegal” erreicht, son­dern ist eines der positivsten Ergebnisse der Entdeckung Amerikas. An­fangs nur als „Blume” gesehen, kam die Nahrungseigenschaft dieser Knol­len nur langsam zum Tragen. Erst der Preußenkönig Friedrich der Große (1712-1786) machte diese als Grundnahrungsmittel durch seine „Tartoffelbefehle” in unseren Landen „hoffähig”. Dass sich die Kartoffel im wahrsten Sinne des Wortes gut einbürgerte, wird allein durch ihre verschiedenen Bezeichnungen deutlich. Man nennt sie auch: Erdapfel, Erdbirne, Grund­birne, Krumbeere oder Potaten.

Nicht nur die Weiterzüchtung der Kartoffel durch Auslese, sondern auch die Methode des Anbaues hat ihre Entwicklungsgeschichte. Anfangs wur­den sie nur in Löcher „versteckt” und bis zur Ernte gewartet, so wie es heu­te bei „Gärtlern” noch üblich sein mag. Die Entwicklung zum Bifang, also der Fläche zwischen zwei Furchen, ist einleuchtend: Die leichtere Unkraut­bekämpfung, der verbesserte Wasserhaushalt und die leichtere Ernte, weil die Knollen höher liegen und das in einer Reihe. Auch die Pflanzung kann jetzt systematischer erfolgen. Erstmals kann hierzu ein Gerät eingesetzt werden, der so genannte „Markierer”. Durch Schaufelräder werden die Ab­stände der Reihen und in der Reihe gleich gebildet. Die Schaufelräder wur­den gegen rotierende Scheiben gewechselt, mit denen man das Pflanzgut mit Erde „überhäufeln” konnte. Diese Technik war eines der ersten „Viel­fachgeräte” das man in der Landwirtschaft verwendete.

Auch Pflege und Ernte profitierten vom Reihenanbau. Das „Legen” der Pflanzkartoffel erfolgte noch lange von Hand, bis es dann ab den Fünfzi­gerjahren durch Legemaschinen, halb- oder vollautomatisch, ersetzt wird.
Ein großes Problem beim Anbau sind die Schädlinge. Die pflanzlichen be­kämpfte man durch regelmäßiges „abstriegeln” und wieder „aufhäufeln” der Bifänge. Zwischen den Reihen konnte nur von Hand „gehackt” werden. Deshalb zählt man die Kartoffel auch zu den Hackfrüchten. Der tierischen Schädlingen, wie der Kartoffel- oder Coloradokäfer sowie ihrer Larven konnte man nur per Hand Herr werden. Eben durch Einsammeln, vor­nehmlich durch Kinder. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg kamen hierfür noch ganze Schulklassen zum Einsatz.

Pilzschädlinge waren bei uns früher weniger bekannt. Dagegen hat in Westeuropa ab 1840 die „Kartoffelfäule” zu Hungernöten und damit zu verstärkter Auswanderung nach Amerika geführt. Aber nach 1950 kam auch bei uns immer mehr die „Krautfäule”, auch Phytophthora genannt, auf die Äcker. Hier gab es nur die chemische Keule, also Spritzen. Eine Vor­kehrung gegen tierische und Pilzschädlinge war die Fruchtfolge. Nicht un­ter drei Jahren sollten auf das gleiche Feld Kartoffel gepflanzt werden. Dies kam auch der Fruchtfolge zugute, weil die Kartoffel eine gute Vorfrucht ist.
Der Erntezeitpunkt konnte durch verschiedene Sorten unterschiedlich ge­staltet werden. Die Ernte erfolgte bis in die 1950er Jahre ausschließlich von Hand. Der Schleuderroder hatte den Rippenpflug und der die Grabgabel abgelöst. Während man bei geringerer Anbaufläche Bifang für Bifang ro­dete und in Abschnitten je zwei Personen mittels Körbe einsammelten, wurde bei den „Größeren” auf „Vorrat” gerodet. Bei dieser Methode arbei­tete das Erntepersonal in einer Reihe, oft auf den Knien. Die vollen Körbe wurden dann auf den mitfahrenden Wagen geladen. Die nächste Roderge­neration war dann der Vorratsroder. Ein besonderes „Siebrad” sorgte da­für, dass das Erntegut weniger durch Erde überdeckt war. Die weitere Ent­wicklung war der Siebkettenroder der dann nicht mehr „ausschleuderte”, sondern die Kartoffel auf Reihen ablegte.

Die Personalfrage bei der Ernte war in den 1950er Jahren, zumindest bei den kleineren Betrieben noch kein Problem. Meist waren es die Frauen ei­nes Ortes, die oft auf Halbtagsbasis dabei halfen. Bei dieser Arbeit war es keineswegs langweilig. In einer Reihe arbeitend, gab es immer was zu er­zählen. Erst recht bei der Brotzeit auf dem Feld. Wenn dann die Gruppe, die ja in etwa immer identisch war, bei uns zum Oktoberfest eingeladen war, war dies ein Höhepunkt des jährlichen „Kartoffelglaubens” und stärk­te die Gemeinschaft.
Bei größeren Betrieben kamen „Akkordpartien”, bei uns meist aus der Oberpfalz, zum Einsatz. Sie übernachteten bei den Bauern und wurden dort auch verpflegt -morgens und abends auf den Höfen und zu den „Brotzeiten” und mittags auf dem Feld. Wenn es der Tag und das Wetter zuließen, arbeiteten sie von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Bei uns zu siebt, drei Paare in der Reihe, und einer, meist der „Kapo”, der die vollen Körbe auf den Wagen leerte. Eine solche „Partie” brachte es auf eine Tagesleistung bis zu einem Hektar, da konnten gut 300 Doppelzentner sein. Das „Stammpersonal” auf den Höfen war dann für das Roden und mit der Abfuhr der Kartoffeln beschäftigt. Der Lohn für die Akkordgruppe war nach „Tagwerk” vereinbart.
In der Regel kamen immer die gleichen Gruppen auf die Höfe. Alle sehr fleißige Leute, die durchaus nach dieser harten Tagesarbeit nach dem Abendessen noch gerne gemütlich beisammen saßen und auch noch an ein paar Lieder aus ihrer Heimat sangen. Ab den 1960er Jahren setzten sich Kartoffelvollernter durch. Das Erntegut wurde per Kettenband auf die Maschine gebracht. Dort wurde von Hand alles aussortiert, was nicht in den Erntetank sollte. Auch das erübrigte sich zusehends durch Automaten. Eine der ersten Erfindungen dieser Art war Anfang der Sechzigerjahre das sogenannte „Peisband”. Der Erfinder war Anton Peis aus Poing.

Die Betriebe, die ein Brennereirecht hatten, konnten die Ernte oft vom Acker an die Brennerei fahren. Bei den anderen waren die Lager, meist die Tennendurchfahrten, voll.
Nun ging es in der Regel über Wochen ans Sortieren. Die „Kleineren” wa­ren für Futter bestimmt, die „Mittleren” als Pflanzkartoffel für das nächste Jahr, beziehungsweise auch für Futter und die „Größeren” für den Markt. Hier die „mehligen” Sorten für die Industrie, bei uns gegebenenfalls für „Pfanni”. Die „speckigen” wurden als Speisekartoffel angeboten und wur­den meist in 50-Kilo-Säcke abgefüllt. Die größere Menge ging an Händler ab Hof. Ein Teil aber wurde direkt an den Verbraucher geliefert – bei uns zum Großteil nach München. Ein „Kramer” aus München hatte die Vorbe­stellungen aufgenommen und wir lieferten sie frei Kartoffelkiste in den Keller. Bei den oft niedrigen Kellern eine „Sauarbeit”, die allerdings durch Trinkgeld auch lukrativ sein konnte. Je nach Menge, und das konnten pro Haushalt sechs Zentner und mehr sein, konnte man dann den Familien­stand oder auch die Herkunft erahnen: Die größeren Mengen gingen meist an Leute, die der Sprache nach nicht „einheimisch” waren. Nord­deutsche zum Beispiel hatten eben eine andere Esskultur.

Mangels einer frostsicheren Lagermöglichkeit auf den Höfen, war auch das „Einmieten” der Kartoffel auf den Feldern gebräuchlich. Im Frühjahr wur­den dann die so über den Winter gelagerten Kartoffel weiter verarbeitet.
Aber auch im „Vertrieb” hat sich viel geändert. Durch die gestiegene Moto­risierung holt sich jetzt der Verbraucher seinen Bedarf oft ab Hof. Aber auch der Lieferservice der Bauern das ganze Jahr über an Verbraucher und Märkte hat heute Tradition. Die verzehrte Kartoffel menge pro Kopf hat sich gegenüber früher wesentlich verringert. Rund die Hälfte davon kommt dabei heute als Fertigprodukt auf den Tisch. Sieht man die steigen­de Weltbevölkerung, dürfte die Kartoffel eine gesicherte Zukunft haben, denn ihr Stärkeertrag pro Hektar liegt deutlich über dem von Getreide.

zurück

 

 

 

 

Markt ist nicht Markt


von ©Hans Obermair
erschienen am 30. September 2023, im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

300 Jahre Markt in Glonn: Ein Handelsplatz mit bewegter Geschichte

Markt Glonn” steht stolz im Ortseingangsschild. Wenn dann zeit­gleich in einer Anzeige steht, in Glonn sei Markt, dann könnte man zwi­schen beidem einen Zusammenhang vermuten. Dem ist aber nicht so. Das „Markt Glonn” gibt es seit 1901 nach dem Recht von 1869. Es wurde „aller­höchst” vom Prinzregent Luitpold selbst verliehen. Grundlage für die Erhe­bung zu „Markt Glonn” ist wohl, dass der Ort mit Gemeinde einer der vier Mittelpunkte im Landkreis waren. Ein „Marktrecht”, wie es für Glonn schon Jahrhunderte vorher bestand, ist und war also für das „Markt” im Ortsna­men nicht Voraussetzung.

Das Marktrecht in Glonn, das von Kreuz 1723 übernommen wurde, gibt es nun also seit 300 Jahren.

Für 1429 ist erstmals ein herzoglicher Markt für Kreuz verbürgt. 1701 stellt Wenig in seiner Topographie für Zinneberg noch fest: „Eine kleine Stundt von Zinneberg befindet sich der Ort Creutz, zu diesem Schloss gehörig, a11- so ein Kirchlein von zwey Bauernhöfvorhanden, werden auch deßJahres vier Märckt allda gehalten”. 1701 waren also die Märkte noch in Kreuz. Die zwei Höfe, der „Moar” (heute Schneeberger) und der „Westermoar” waren im Obereigentum von Zinneberg, so wie der Glonner Wirt (Post) auch. Der „Mesner” war der Kirche Egmating grundbar. Deshalb ist er nicht aufge­führt.

Der letzte „Westermoar” verstarb 1754. Wahrscheinlich schon vorher wur­de der Hof aufgelöst und aufgeteilt. Der Teil, westlich der Kirche, wo dieses Anwesen stand und auf dem die Märkte wohl stattgefunden haben, wurde dem Wirt in Glonn zugeschlagen. Damit wird der „Marktplatz” und damit der auch der Markt nach Glonn gekommen sein. Dies wird auch von The­rese Killi aus Münster, wohl aus mündlicher Überlieferung, bestätigt, wenn sie schreibt: „Auch waren im Laufe eines Jahres 4 Jahrmärkte, welch später von einer Wirtswitwe jetzt Post in Glonn angekauft wurden und so nach Glonn verlegt wurden”.

Der Glonner Chronist Pfarrer Niedermair schreibt: „Erst seit 1723 finden die vier Jahrmärkte (Fasten-, Pfingst-Jakobi und Michaelemarkt) in Glonn statt. 1814 wird dann vom Patrimonalgericht Zinneberg beantragt, dass der Johannimarkt um eine Woche vorverlegt werden solle, dann sei man nicht „in Konkurrenz” zum vier Stunden entfernten Markt in Holzkirchen. Daran kann man die Bedeutung des Glonner Marktes ermessen. Um diese Zeit gab es also schon einen Viehmarkt in Glonn. Für 1821 sind schon vier Viehmärkte belegt. Wenn auch Niedermair 1909 schreibt: Erst im Jahre 1833 gelang es auf Bemühen des Wirtes, auch die Viehmärkte an den dar­auffolgenden Montagen von Kreuz nach Glonn zu verlegen”. Möglicherwei­se war zwischen 1814 und 1833 auch in Kreuz noch ein Viehmarkt; eventu­ell nur für Pferde. Schon wie in Kreuz beaufsichtigte Zinneberg auch in Glonn die Märkte. Der Platz für die Märkte in Glonn, war auf dem Grund des Wirtsanwesens, zu dem bis etwa 1928 auch der jetzige Marktplatz ge­hörte.

Ab 1859 wurde der Viehmarkt zweimal im Jahr auch auf den Montag nach dem Markttag verlegt. Dies und dass 1859 der Wirt Wagner, der noch als einziger Wirt in Glonn an drei Stellen ausschenkte, für 29 Hektoliter an die Gemeinde 24 Gulden „Bieraufschlag” zu zahlen hatte, zeigt den Umfang des Zulaufes. Überdies kassierte die Gemeinde noch Standgeld. 1831 wa­ren es 56 Gulden (wohl für alle vier Märkte). Dass zum Beispiel 1890 der „Distrikttierarzt” Angerbauer Missstände aufzeigt wie: Dass seit Jahren die Ausstellungsflächen zu klein sind, der (Vieh)-Markt dehne sich schon auf die Distriktstraße aus und dass die Fläche nicht abgeschlossen sei, mag über die Größe etwas aussagen. Man solle einen größeren Platz suchen – „ohne Rücksicht auf einen einflussreichen Gastwirt, der seine Wirtschaft neben dem derzeitigen Viehmarkte hat – und das dürfte dahinterstecken”. 1891 lesen wir dann, dass der Viehmarktplatz auf den angrenzenden An­ger (Postwirt) ausgeweitet wird. Für 1909 sind „Auftriebszahlen genannt: „Zugetrieben wurden 385 Ochsen, 50 Kühe und 30 Kälber. Alles wurde ver­kauft”.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 dürfte der Höhe­punkt des Glonner Waren-und Viehmarktes überschritten sein. 1929 ist nur mehr ein Auftrieb von 82 Stück vermerkt.

Der Ebersberger Anzeiger vom 8.8.1938 berichtet, dass anlässlich des Marktes sehr viele Auswärtige nach Glonn gekommen seien. Die Markt- und die ansässigen Geschäfte gingen insbesondere am vormittags recht gut.

Mit Ausbruch des zweiten Weltkrieges war dann Schluss mit dem Glonner Viehmarkt. 1934 beschließt die Gemeinde dann „das Handeln in jüdischer Sprache ist verboten”.

Der Warenmarkt wird zwar für die Masse des Publikums der attraktivere gewesen sein. Er war ja auch am (fast) arbeitsfreien Sonntag. Dass 1901 der Schneidermeister Deyerl aus München in der Zeitung sein Glonner An­gebot inseriert, zeigt, wie treu und wie weit die „Firanten” angereist sind. Die Bahn ab 1894 war sicher auch für den Markt gut. 1916 verweist Schneidermeister Deyerl in seiner Anzeige „Bezugscheine mitbringen!”. 1936 wird berichtet, dass Messerschmied Blonner seinen 60. Glonner Jahr­markt feiern kann.

Natürlich wurden nicht nur Waren, sondern auch Attraktionen angeboten: Da gab es einen Zirkus, Schiffschaukel, Karussell und auch einen „Herku­les”, der Ketten sprengte und mutige und starke Männer beim „Finger- hackln” über den Tisch zog. Auch von einem „Bärentreiber”, wohl mit ei­nem „Tanzbären” wird berichtet. Schauen wir in die Aufzeichnungen des Musikmeisters Diemer und später Faßrainer, dann ist die „Marktmusik” fester Bestandteil des Glonner Marktes; natürlich nicht in der Fasten-und Adventszeit. Als sich zwischen den beiden Weltkriegen der Glonner Klein­tierzuchtverein gut entwickelte, gab es auch Tierschauen. In den Kriegsjah­ren sind noch bis 1943 Märkte verzeichnet, wenn auch nur noch wenige „Firanten” anbieten.

Die Warenmärkte nach dem Krieg sind frühestens 1946 wieder „angelau­ fen”. Aber was sollte auch angeboten werden? Erst nach der Währungsre­form war wieder Ware da. Wie überall, so auch in Glonn, waren die Jahr­märkte Anfang der Fünfzigerjahre wieder gut beschickt und besucht. Und die noch schlechten Verkehrsverhältnisse haben den Einkauf auf den Örtli­chenjahrmärkten begünstigt. Auch der Versandhandel hatte noch nicht die Bedeutung.

Das spärliche „Marktgeld” das wir Buben von den Eltern bekamen, musste ja auch unter die Leute. An Markttagen boten auch die Glonner Geschäfte ihre Waren an. Wenn man dann in einer Kollektivanzeige der Ebersberger Zeitung von 1984 Anzeigen Glonner Geschäfte sieht, dann spürt man, wie die Zeit verrinnt. Da heißt es noch von „Dirndlstube, von „Plattenstüberl” und von „Wollstüberl”. Die vier Markttage in Glonn sind immer noch gut besucht, wenn auch immer mehr das Ereignis und nicht mehr so das Kau­fen im Vordergrund steht.

zurück

 

 

Als den Glonnern das Licht aufging


von ©Hans Obermair
erschienen am 23. August 2023, im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

125 Jahre Strom in der Marktgemeinde: Verschönerungsverein macht den Anfang

Elektrizität gibt es schon immer, sie ist ein Teil dieser Welt. Konnte sie früher nur sehr beschränkt nutzbar gemacht werden, so begann mit der Erfindung eines Generators durch Werner von Siemens im Jahre 1866 deren beispiellose Ausbreitung. Zunächst natürlich in den Städten und den Ballungsgebieten, bevorzugt für die Beleuchtung. Auf dem Land etwas später und dort zuerst, wo Wasserkraft für den Antrieb sorgen konnte. So auch in Glonn.
Schon das zweite „ Projekt” des 1887 gegründeten Glonner Verschöne­rungsvereins war Elektrizität. Zunächst war nur an eine Straßenbeleuch­tung gedacht. Hier war Wolfgang Wagner jun. die treibende Kraft. Er hatte wohl, auch vom Landwirtschaftlichen Verein, in dem Wolfgangjunior tätig war, die Idee dazu. Nach längerer Debatte, so heißt es im Versammlungs­protokoll, wird beschlossen, „zwar das Projekt dem Verein zu unterstellen, jedoch gänzlich gesondert zustande zu bringen”. Anschließend wurde ein „Zeichnungsbogen” herumgereicht. Die für das Vorhaben zunächst veran­schlagten 3000 Mark wurden während der Versammlung von den Mitglie­dern gezeichnet. Vermutlich haben sich 20 Personen zur Zeichnung ent­schlossen, weil im Protokollbuch von einem Garantiefonds von 150 Mark die Rede ist. Man beauftragt den zweiten Vorstand Wagner sen., sich einen möglichst genauen Kostenvoranschlag von der Firma Eisenstein & Co an­fertigen zu lassen. Mit Schreiben vom 12. November 1887 berichtet Bür­germeister Beham dem Bezirksamt Ebersberg, dass die Finanzierung durch den Verein gesichert sei.
Plan und Kostenvoranschlag können aber nur oberflächlich gewesen sein, denn am 10.1.1888 berichtet Wagner der Versammlung, dass er sich mit mehreren Sachverständigen ins Benehmen gesetzt habe „welche ihn den Rat gaben, ja nicht so schnell in dieser Sache vorzugehen und womöglich auf eigene Wasserkraft zu trachten”. Wagner bittet die Versammlung noch um ein paar Monate Geduld. Und die war fürwahr von Nöten. Immer wie­der steht das Elektrizitätsprojekt auf der Tagesordnung. Im August 1888 erkannte man dann die Vordringlichkeit der Untersuchung der Wasser­kraft. Ein entsprechendes Gutachten koste aber sicher Geld. Hier konnte der Ortsarzt Lebsche helfen. Er hatte einen Schwager „welcher Ingenieur ist”, dieser komme sowieso nach Glonn und könne die Wasserkraft unter­suchen -vermutlich kostenlos.
Diese Untersuchung verlief negativ, denn im März 1889 erklärte dann Wagner jun. das „Projekt” für gescheitert. Wahrscheinlich weil die vorhan­denen Wasserkräfte bereits von den sieben Mühlen genutzt wurden. Zum Ankauf einer Mühle reichten die Fi-nanzen nicht.

Glonns Straßen blieben aber nicht dunkel: Etwa 1894 richtete der Verschö­nerungsverein auf eigene Kosten eine Straßenbeleuchtung ein – eine Beleuchtung mit Petroleum. Dem Schriftverkehr nach hatten die Anlieger das Öl zu liefern, diese Lampen anzuzünden, zu löschen und für Ersatz von Docht und Zylinder zu sorgen. Und genau das geschah nicht immer und noch dazu am Glonner „Hauptkreuzungspunkt”.
Der Verein stellte an die Gemeinde den Antrag, diese möge die so wichtige Lampe übernehmen. Dort wurde zum Missfallen des Vereins abgelehnt, obwohl dessen Vorstand aus dem Schlossherrn von Zinneberg Albert von Scanzoni, dem Reichs-und Landtagsabgeordneten Wolfgang Wagner Seni­or und Wagner Wolfgangjunior bestand. Man war wohl sehr erbost und stellte an die Gemeinde dann den Antrag, alle Lampen zu übernehmen. Wieder abgelehnt – allerdings mit der Zusage, man gebe für die Beleuch­tung einen jährlichen Zuschuss von 50 Mark.

Wie so oft in der Technikentwicklung war es dann Privatinitiative, die Glonn den Strom brachte. Stromerzeugung und Lieferung war eine Zu­kunftsbranche. Wer diese Chance in Glonn zunächst nutzen wollte, steht nicht genau fest. Mit Schreiben vom 7.5.1898 bewirbt sich (auch) Wolfgang Wagner sen. bei der Glonner Gemeinde um die „Conzession”. Mit der ihm gehörenden „Obermühle”, heute Piusheim, könne er den Strom erzeugen und nach Glonn liefern. Natürlich mit allen Vorzügen und Garantien. Eine Behandlung des „Wagnerantrages” ist nicht festzustellen.
Etwa um die gleiche Zeit, das Schreiben hat kein Datum, dürfte der Antrag des „Furtmüllers” Peter Kastl eingegangen sein. Die Glonner „Furtmühle”, nach der „Christlmühle” mit dem zweithöchstem Gefälle, war im Eigentum von Peter Kastl, geboren 1857 in Albaching. Er war seit 1877 „Mühlbur­sche” bei Anton Ecker, seit 1852 Furtmüller. Dessen Frau war die „Heckmo- arstochter” Kreszenz Marais. Die Ehe blieb kinderlos. Und so wurde die Nichte von Kreszenz, die Wirtstochter Anna Obermairaus Frauenreuth, Er­bin der Furtmühle. 1889 heiratet sie den sieben Jahre jüngeren Peter Kastl. Auch diese Ehe blieb kinderlos. Kastl war vermutlich ein Technikfreak und hat sich auf diese Zukunftsbranche eingelassen. Im Antrag von Kastl ist von Beleuchtung- und Kraftübertragungsanlage, Gleichstrom-Zweileiter­system, Accumulator und 110 Volt bei 90 Ampere die Rede. Er könne mit seiner Wasserkraft aus Mühle und Säge Glonn und Zinnberg versorgen. Sollte die Wasserkraft einmal nicht mehr ausreichen, würde er sich eine Reserve-Dampfmaschine anschaffen. Die Verteilung finde über die Haus­dächer und „Telegapfenmasten” statt. Auch zum Lieferpreis macht er An­gaben: für Privat und pro Jahr und „Kerzenstärke” eine Mark. Bei „Gelegen­heitslängen”, wahrscheinlich, wenn ein Abnehmer nicht an der „Haupttras­se” lag, „besondere Preise”. Sollte ein „Elektricitätszähler” vorhanden sein, „stellt sich der Preis einer 16-kerzigen Lampe per Stunde auf 2 Pfennige”. Am 5.12.1898 hat Peter Kastl sein „Elektrizitätswerk” per 1.9.1898 bei der Gemeinde angemeldet. Hier heißt es: „ohne Gehilfen”. Säge und Mühle waren also aufgegeben. Laut einem Inserat vom Mai 1900 wurde die Ein­richtung (Mühle/Säge) zum Verkauf angeboten. Es ist aber davon auszuge­hen, dass die Stromlieferung schon im Sommer 1898 erfolgte.

In der Zeitung vom 16.8.1940 (vermutlich „Oberbayer”) lesen wir über die Anfänge der Glonner Stromerzeugung. Demnach waren speziell die Gla­sermeister, einen solchen gab es auch in Glonn, gegen das elektrische Licht, weil sie den Umsatz mit Petroleumlampen und Glaszylindern nicht gerne verloren. Es gab also auch diese Widerstände. Heute würde man sa­gen, in einer PR-Aktion hat Kastl, nachdem die Erzeugung schon angelau­fen war, für seinen Strom geworben. Er hat zum Nachbar, dem Gastwirt Lanzenberger, der wohl einer der ersten Stromkunden war, eingeladen. Und wie es heißt, waren alle Bürger gekommen, um das „Licht” zu bewun­dern, zu loben, aber auch zu „begritteln”. Bei „festlicher Zecherei” ist es so­gar zu einer Rauferei gekommen, die vielleicht ohne neues Licht gar nicht möglich gewesen wäre. Vielleicht gab es aber auch „Freibier”, wie bei PR- Einladungen auch heute noch üblich.

Einer der ersten Hausanschlüsse war beim Bürgermeister Türk (Welzmül­leranwesen). In einem Inserat bewirbt der Neuwirt 1898 (28.8.) sein Gar­tenkonzert „mit elektrischer Beleuchtung”. Dies zeigt, dass das Leitungs­netz schon im Sommer bis zum „Neuwirt” reichte. Auch die ehemals hart­näckigsten Gegner suchten jetzt den Stromanschluss, sodass der Furtmüller ständig erweitern musste. 1894 erhielt Glonn den Bahnanschluss und 1901 wurde es Markt. Klar: Auch die Petroleum-Straßenbeleuchtung wur­de vor dem Ersten Weltkrieg noch gegen „elektrische” ausgetauscht. Ein Angebot von Kastl von 1914 gibt darüber Auskunft.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, so heißt es, war schon halb Glonn angeschlossen. Auch die Nutzung des Stroms für Kraftmaschinen wurde von Kastl gefördert, in dem er eine fahrbare Kreissäge anbot, zum Brenn­holz sägen. Wie zu lesen ist: „Man konnte zu den betreffenden Jahreszei­ten wochenlang die große Kreissäge singen und kreischen hören”.

Auch für „Nüchterne und Betrunkene” wurde das neue Straßenlicht zum Segen, so heißt es weiter. Freilich nur bis 11 Uhr (23 Uhr), denn dann wur­de es abgeschaltet. Irgendwann konnte die Furtmühle den Strom nicht mehr erzeugen. Und so wurde 1927 die Wasserkraft der Steinmühle mit in die Stromerzeugung eingebunden. Ein dickes Kupferkabel, es war ja noch immer Gleichstrom, hatte beide Werke verbunden. Damals war allerdings schon der Elektrotechniker Josef Altinger, seit 1919 der Furtmüller, Chef des Unternehmens. Er hat die Erziehungstochter von Kastl geheiratet. Die Familie Altinger erzeugt heute noch umweltfreundlichen Strom.

Zurück zum Kastl: Zeitgenossen haben ihm einen unglücklichen Ausgang prophezeit. Sein Ansehen ist zwar gestiegen. Von 1899 bis 1905 finden wir ihn als Gemeinderat. Es scheint gut „gelaufen” zu sein – oder war es auch – der Wunsch nach Ansehen, denn 1903 baut er sich eine Villa an der Haupt­straße. 1904 aber verkaufte er das Furtmüller-Stammanwesen an den Wirt Lanzenberger. 1925 verstarb Kastl im Alter von 68 Jahren und 1931 seine Anna mit 81 Jahren.

Ende des 19. Jahrhundert war es noch schwierig, Glonner Mühlen und Sä­gen für die Stromerzeugung zu begeistern. Mittlerweile sind alle sieben ehemaligen Glonner Mühlen umweltfreundliche Stromerzeuger: die Steg­mühle seit 1903 (für Zinneberg) die Steinmühle seit 1927, die Wiesmühle und Waslmühle seit 1928, die Christlmühle seit 1935 und die Kothmühle seit 1970. Die 1920 gegründete Elektrizitätsgenossenschaft Frauenreuth wollte in den Zwanzigerjahren, hinter Reisenthal mit einem Staudamm den Kupferbach aufstauen, um Strom zu erzeugen. Gott sei Dank ist es nicht zu weit gekommen. Nach dem Krieg übernahm diese Genossenschaft die „Stegmühle-Genossenschaft”.
Vielleicht noch ein paar Geschichten um den Strom: Einer der Ersten aus unserer Umgebung war der Killi Hausl, der Haberer aus Münster, der von der Elektrizität begeistert war. Im Straubinger Gefängnis inhaftiert, konnte er die mit Strom beleuchtete Gäubodenstadt bewundern. In seinem Tage­buch steht es so drin. Dann die Stromversorgung der E-Genossenschaft Frauenreuth, die auch umgebende Orte versorgte und damit viele land­wirtschaftliche Kunden, die im Herbst die Dreschmaschine auf dem Hof hatten. Rutschte dem „Einlasser” eine Garbe durch, flunkerte rundum das Licht. Die Christlmühle belieferte Adling mit Strom. Der „Neuner Jakl” der dort beschäftigt und so, wie die Adlinger Jugend auch, Mitglied der „Greawinkler Zeche” war, nützte das Stromnetz, indem er Einladungen für „Zechtreffen” durchgab. Er unterbrach kurz die Stromlieferung, sodass in Adling die Lichter flunkerten. Man wusste dann: „Heit kemma z’samm”.

zurück

 

 

Der Wirtshansi erinnert sich


von Hans Obermair
erschienen am 16.8.2023 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Ein Blick in die eigene Geschichte und es kommt so einiges wieder ans Licht, was schon lang vergessen schien. Zum Beispiel die Landshamer G´schichtn und „ da Hintermoar“.

Landsham, der Name geht auf das Geschlecht der „Landshamer“ zurück, liegt im nordwestlichsten Teil des Landkreises Ebersberg und damit verbinden die Landshamer Fluren die des Landkreises München-Land mit denen der Erdinger. So auch die alte „Distriktstraße“, die diese beiden Nachbarlandkreise zumindest verkehrsmäßig heute noch vernetzt. Die Trasse ist aber nicht die kürzeste, weil das Erdinger Moos umfahren werden musste. Und so siedelten sich entlang dieses Umweges uralte Orte an.
Zum Beispiel die Agilolfinger. Jedenfalls haben diese in Aschheim und in Neuching schon im 8 Jahrhundert mit ihren Synoden Geschichte geschrieben. Auch die Ausgrabungen im nahen Kirchheim und die uralten Plieninger Gräber lassen auf eine frühe Besiedlung schließen.

Diese Randlage zum Erdinger Moos ist auch der Grund dafür, dass alle die-se Dörfer auf zwei verschiedenen Bodenarten bis heute ihre Landkultur betreiben können. Zum einen im G, fij, oder dem „Grias”, mit dem Kiesbo-den, das jahrhundertelang Teil der „Perlacher Heid” mit ihrem herrschaftli-chen Jagdgebiet war, und dann dem Moosboden, dessen Fläche sich durch den Bau des „Mittler-Isar-Projektes” zwar nicht vergrößerte, aber verbes-serte. Dass diese zwei grundverschiedenen Bodenarten auch so manche Ernte und damit überleben sicherten, auch das mag das Siedlungsgebiet interessant gemacht haben.
Dass unter den etwa drei Dutzend ehemaligen und zum Großteil noch heutigen Anwesen zwölf sind, deren alter Hausnamen mit „Moar” enden, zeugt von der uralten landwirtschaftlichen Kultur. Dazu gehört auch eine uralte Kirche, die dem Heiligen Stephanus geweiht ist. Ein prächtiger Bau, nicht nur von außen, sondern auch von innen. Umgeben von einer alten „Sepultur”, dem Friedhof, in dem die alten Landshamer in ihren zum Haus gehörigen „Fleckerl” Erde ihre letzte Heimat gefunden haben. Über Jahr-hunderte, ,,Schicht auf Schicht”. Welches Wortpaar kann den Begriff „Ge-schichte” wohl besser verdeutlichen. Vielleicht hat die „Sepultur” und da-mit alle in ihr ruhenden Landshamerinnen und Landshamer, diese Kirche vor der Säkularisation, also vor der „Demolierung” geschützt. Denn vor den Toten hatten die „Säkulierer” anscheinend große Angst, wie es andere ,,gut ausgegangenen Kirchenschicksale” auch beweisen.
Ein so über die Jahrhunderte zusammengewachsenes Dorf, in dem es praktisch nie ein Ober- und Unterdorf gab, hat die immer schon mitten durch den Ort verlaufende „Distriktstraße” nie geteilt, sondern eher ver-eint. Man hat ja auch nicht die Häuser an die Straße gebaut, sondern der Straßenverlauf wurde um bestehende Anwesen geführt. Und dass es hier auch zwei Wirtshäuser gab und gibt, hat nicht nur mit den Durchreisenden zu tun, sondern mit den Landshamern selbst. Die „Bauernbefreiung” bis 1848 und die Umstellung der alten Dreifelderwirtschaft (Sommerung-Win-terung-Brache) auf die neue (statt Brache Blattfrüchte), hat zumindest bei den Bauern den Wohlstand gehoben. Geht’s den Bauern gut, dann auch den Knechten. Und so wird so mancher „Taler” von beiden im Wirtshaus gelandet sein.
Ein Grund für eine Zusammengehörigkeit mag auch Geselligkeit sein. Der Autor, der als „Wirthansi” von Ottersberg 1951 in die Gemeinde kam, hat eben, als in der Gaststube aufwachsender Wirtsbub, etwas mehr „mitge-kriegt”. Hauptsächlich vom „Hintamoar” Uosef Gruber), der auch in Otters-berg gern gesehener Gast war. Nicht zuletzt deswegen, weil er mich mit seinen „todernst” erzählten „G, schichtln” einmal „ganz schee dawischt hot”. Aber davon später. Zunächst was von Landsharn: Der „Hintamoar”, weil seine Mooswiesn halt so weit weg waren, hängte nicht nur zwei Fuh-ren Heu an seinen Traktor, wie es erlaubt gewesen wäre, sondern drei oder vier. Einern patrouillierenden, unbekannten Gendarm kam dies gera-de recht und er waltete seines Amtes. ,,Wo gibt’s denn so was? Sie wissen doch, mehr als zwei Fuder dürfen Sie nicht” – und so weiter” Schon befahl er das Auseinanderhängen und verhängte eine Strafe. Der „Hintamoar” bezahlte ohne Aufstand, allerdings mit dem Bemerken und todernst: ,,Des zoin sowieso unsare Schandarm”. Das konnte der mit den Landshamer „Gschichtln” nicht vertraute amtierende Gendarm nicht verstehen und fragte, wie das denn gehen solle. ,,Ja”, antwortete der Sepp, ,,unsre Schand-arm kaffan bei uns owei d, Oar un do volange ma hoit a bissä mehra, dann hob i, s wieda”. Wie verdutzt der Fremde war, ob Pflicht oder Mitleid die Oberhand hatten, lässt sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls der „Hinta-moar” wird sich nicht an den Gendarmen von der Landshamer Station schadlos gehalten haben. Dass er ihnen den Vorgang erzählt hat, kann gut möglich sein. Man kannte sich ja gut und hat sich sicher über diese Gaudi gefreut.
Eine andere Geschichte vom „Hintamoar”: Die Verwendung von nur „neu-em” und zertifiziertem Saatgut war noch nicht vorgeschrieben. Man kaufte nur einen kleineren Teil zu, vermehrte diesen, und baute ihn wieder an. So auch bei den Kartoffeln. Allerdings mit der Einschränkung, dass man gerne mit Kartoffeln tauschte oder welche erwarb, die auf anderem Boden ge-wachsen waren. Also bemühten sich die Moosbauern um Ware vom „Gri-as” und die vom „Grias” um solche vom „Moos”, weil die besser „angehen”, so sagte man. Und so fragte ein Moosbauer den „Hintamoar” ob er nicht „Samkatoffe” habe. Dieser erwiderte todernst „kimmst agrat   z`spat, aba da Mijsteibe kunnt no wos hom”. Er beschrieb ihm den Weg. Dort angekommen: ,,Bin i do richtig beim Mijsteibe”. Ja, sagte dieser, der allerdings nicht der Bauer war, sondern der Ortsgendarm, der nur auf diesem Bauernhof wohnte. Dass dieser tagsüber zuhause war, hatte mit seinem Dienstplan zu tun. ,,I hob g’ heat, du host no Samkatoffe – i brauchat oa”. Der Gefragte antwortete, er habe so etwas nicht, er sei ja der Ortsgendarm. Der Nachfrager ließ sich nicht abwimmeln, ,,er dat`s ja guat zoin”. Wieder antwortete Mehlstäubl, er sei Polizist und habe mit Saatkartoffeln überhaupt nichts zu tun. Nun wurde es dem Kaufinteressenten zu bunt Er habe mitbekommen, dass einem in Landsharn gerne „der Bär aufgebunden wird” und fragte nochmals nach „Samkatoffe”. Aber er konnte keine bekommen und zog von dannen. Auf die Frage, wer ihn denn hier her geschickt habe, beschrieb er den Hof, in dem ihm die Adresse gegeben wur-de. Da musste Mehlstäubl natürlich lachen: Ja, ja, da „Hintamoar”.
Meine Geschichte ist genauso harmlos. Der „Hintamoar” war bei uns zu Gast. Ich als etwa Dreizehnjähriger kam in die Gaststube. Da „Hintamoar” todernst zu mir: ,,Ja, dea is dahoam – i kim grod vo Poing, und vor der Ortschaft hot’s a Auto voi mit Schokolad umg’schmissn. Olle Poinger Buam san scho dort und hoin sie an Schokalad”. Zunächst hatte ich Zweifel, weil ich schon wusste, der „Hintamoar” erzählt immer so G, schichtn. Aber es könnte ja auch wahr sein, schließlich ging es um Schokolade. Ich ging zu meinem Radl und verließ wortlos und ungesehen den Wirtshof in Richtung Poing. Nach einem Kilometer sah ich immer noch keine Poinger Buben und erst recht keine Schokolade. Die werden doch nicht schon „abgeräumt” haben und schon abgezogen sein. Wäre ja möglich. Logischerweise müsste aber das umgefallene Schokoladen-Auto noch zu sehen sein.
Nichts! Ja, da „Hintamoar”! Ich fuhr wieder zurück und ging in die Gaststube – natürlich ohne zu sagen, dass ich unterwegs in Poing war. Denn dem ,,Hintamoar” gönnte ich nicht, dass ich auf ihn reingefallen war.
Ältere Leute in Landsharn werden noch einige solcher Geschichten kennen – nicht nur vom „Hintamoar” allein. Zum Beispiel, dass eine Stammtischrunde beim Königer einem ahnungslosen Reporter einmal „erzählte”, eine 51-jährige Frau hätte Drillinge geboren. Das hätte für den Zeitungsmann „die” Zeitungsnachricht bedeutet. Irgendwer hat ihm dann aber doch noch ,,gestochen”, dass dies nur ein „Landshamer Geschicht!” sei. Die Zeitungsente wäre perfekt gewesen. Der „Hintamoar” war also nur die „Spitze dieses Eisberges”. Er hätte wohl noch vieles „zu erzählen” gehabt, der Sepp, wäre er nicht so früh verstorben. 1963 starb der erst 59-Jährige zusammen mit seinem Nachbarn Franz Scheigl bei einem Verkehrsunfall zwischen Pli-ening und Landsharn. Beide kamen von einer Beerdigung in Gelting. Mit Josef Gruber ging vor 60 Jahren nicht nur ein sehr humorvoller, sondern auch ein äußerst hilfsbereiter Mensch von uns.

zurück

 

 

„Da Bot vo Glo“


von ©Hans Obermair
erschienen am 6. Juli 2023, im Lokalteil der EbersbergerZeitung 

Die wechselvolle Geschichte des Hotels Schwaiger zeigt exemplarisch ein Stück Glonner Historie

Bäckerei und Melberei Xaver Schwaiger; Postkarte um 1895

Häuser stehen nicht nur auf ihren Fundamenten, sondern auch auf dem Boden ihrer Geschichte. Und die ist manchmal interessanter als der Ist-Zustand es vermuten lässt. Denn Geschichte kann nicht um- oder angebaut werden, wie ein Gebäude, sondern ist beständig. Beim heutigen Hotel, Bäckerei und Cafe Schwaiger in Glonn wurde mehr um- und ange­baut als bei so manchem anderen Gebäude, das ein stolzes Alter auf den „Fundamenten” hat.
Im Flurplan von 1810 stand auf dem Grundstück des Pfarrers, wo heute beim „Schwaiger” ist, noch nichts. Obwohl diese Flur, im Gegensatz zu an­deren, immer wieder vom Hochwasser heimgesuchten Plätzen, auf einer kleinen Anhöhe steht und so ein idealer Baugrund gewesen wäre. Aber vielleicht haben, über Jahrhunderte hinweg die Herrn Pfarrer, deren von ihnen bewirtschafteter Hof unweit dieses Grundstückes stand, diese Flur aus praktischen Gründen als Feld geschätzt. Noch dazu neben dem Kup­ferbach – auch Wasser war genug da.

Jener Pankraz Kuchler, der das heutige Schwaiger-Grundstück 1854 erst­mals bebaute, war zwar kein „Baulöwe”, aber einer, der sich „hochschau­kelte”. Beim „Weber” in Fürmosen ist seine Heimat und beim „Urban” in Berghofen bei Moosach, wo seine Frau Elisabeth Brückner daheim ist, hat er 1832 eingeheiratet. Wahrscheinlich war ihm das Anwesen zu klein und so hat er „sich aufikaft”, wie man damals sagte. 1838 finden wir ihn in Weng bei Hohenthann, 1845 kauft er das „Mesneranwesen” in Kreuz. 1853 ist er dann kurze Zeit im Glonner Ziegeleranwesen. Wahrscheinlich war das Botenanwesen schon geplant und er suchte damit eine Bleibe in der Nähe seines Baugrundes. 1853 hat er Kreuz an die Familie Wimmer ver­kauft, den heute noch ansässigen Mesnersleuten.

Schauen wir in den Flurplan von 1856, sehen wir ein Anwesen mit der Hausnummer 53 auf dem früheren Pfarrgrund. Wohn- und Stallteil sind et­wa gleich groß. Scheinbar war dies so notwendig, denn die acht lebenden Kinder, fünf waren bereits verstorben, brauchten ja Platz. So auch der ge­plante „Stellwagenbetrieb” (Fuhr und Botendienste), daher der Hausname „beim Bot”. Vielleicht plante man aber auch schon eine Verkaufsfläche für das, was der „Bot” so ins Haus brachte. Das Stellwagengewerberecht und damit die Botendienste konnte man nicht einfach so beginnen, sondern diese wurden vom Staat „verliehen” und mussten mit einer „Caution” gesi­chert sein. Ein guter Leumund war zudem Voraussetzung.
Dem Grundbucheintrag von 1856 nach waren dies 400 Gulden. Kein klei­ner Betrag. Die „Brandassekurranz”, der Brandversicherungswert, lag für das neu erbaute Anwesen bei 1000 Gulden. Es ist davon auszugehen, dass das Botengeschäft 1854 gegründet ist, vorher dürfte es wegen des ständi­gen Wechsels der Familie Kuchler kaum möglich gewesen sein. Zumal es in Glonn auch durch das Gewerbe, von 54 Häusern hatten 53 ein, wenn auch kleines, Gewerbe, und dann durch Zinneberg eine gute Kundschaft gab. Laut Grundbuch ergibt sich eine Gesamtfläche des Anwesens mit gut 31 Tagwerk, verteilt auf sieben Plannummern.
Pankraz Kuchler muss ein fähiger Mann gewesen sein. Leider verstirbt er am 26. Oktober 1856 an „Magenverhärtung”. Verschiedene Ärzte können ihm nicht helfen. Der erst 46-jährige „Bot und Stellwagenführer”, wie es der Sterbematrikel heißt, hinterlässt seine 45-jährige Frau und acht Kinder im Alter zwischen fünf und 24. Ein Jahr später verstirbt „die Mutter der Bo­tin” Elisabeth Brunntaler. Sie ist mit der Familie der Tochter mit nach Glonn gezogen. Noch 1854 wird das alleinstehende Nachbarhaus des Arz­tes Dr. Gregor mit großem Grundstück (heute Wäsler und Hochwimmer) angeboten. Auch die Hofstelle des „Westermair” in Münster war um diese Zeit kurz sein Eigentum. Er hat sich also was zugetraut. Umso schlimmer war für die Familie sein früher Tod. Die Witwe wird Alleineigentümerin.

Die Tragik ergibt sich auch aus dem Grundbuch: Zu den 2400 Gulden aus dem Kauf des Doktorhauses, kommen 2100 Gulden Vatergutsforderung der Halbwaisen und noch weitere Naturalabsicherungen hinzu. Es wird nur einen Ausweg gegeben haben: Tochter Elisabeth heiratet 1859 den zehn Jahre älteren Nikolaus Wenig, Bauersohn aus Mattenhofen. Die Wit­we zieht 1859 ins „Doktorhaus”. Vermutlich auch mit den noch unmündi­gen Kindern. 1872 setzt Schwiegersohn Nikolaus eine Forderung gegen die Schwiegermutter durch. Das Doktorhaus wird 1872 verkauft. Wohin die Witwe zieht, ist nicht bekannt.
Die Wirtschaft entwickelt sich gut. Mittlerweile gibt es Bahnstationen in Westerham (1857) und in Grafing (1872), sodass sich das Zubringerge­schäft steigert. Wenig, wahrscheinlich noch immer nicht im Überfluss, sucht die Flucht nach vorne. Schon 1866 will er in seinem Haus ein Gast­haus einrichten, was im nicht genehmigt wird. 1869 beginnt er in seinem Haus mit Alois Surauer eine Lebzelterei. Dies ist vermutlich die Keimzelle der späteren Bäckerei.
Ab 1867 baut er auf dem Restgrundstück vom Doktorhaus sein Gasthaus (Hochwimmer). Er kann es nicht durchhalten und muss den noch nicht fer­tigen Bau an Härtl verkaufen. Das Gasthaus wird 1873 eröffnet und 1880 verstirbt Härtl. Die Witwe heiratet den Wirtssohn Balthasar Mair aus Berg­anger. Der Hausname wechselt jetzt zu „Mairwirt”.

Die Familie Wenig hat sieben Kinder, wobei drei im Babyalter versterben. 1869 hat Wenig auch das „Singeranwesen” in Haslach für ein Jahr in sei­nem Eigentum. 1877 auch den „Pfeiffer” in Adling. Für 1874 ist der Queran­bau des Stadels mit Stallung nachgewiesen. Er hat also alles probiert und doch verloren.
1882 lesen wir dann in der Zeitung die Versteigerungsbekanntmachung. Die Wenigs werden verzogen sein. Jedenfalls sind sie in Glonn nicht ver­storben.

Der ledige Franz-Xaver Schwaiger (1) geboren 1857 beim „Weigl” in Biberg, bekommt den Zuschlag. Er ist zu diesem Zeitpunkt bei Posthalter Wagner in Glonn angestellt. Wahrscheinlich war er vorher „Ökonomiebaumeister” in Wall bei Holzham. Den Erwerb durch Schwaiger hat auch Posthalter Wagner, in dessen Wirtshaus die Versteigerung stattfand, gefördert. Man sagt, der Posthalter habe dem Schwaiger zugerufen, „mach no mit, da Guatsteher is scho do”. Damit hat sich der Posthalter als möglicher Bürge gezeigt. Mit dem Erwerb wird er in sein Anwesen gezogen sein und den Betrieb fortgeführt haben. Damit hat beim „Bot” die Ära Schwaiger, die ak­tuell in der fünften Generation noch sehr erfolgreich ist, begonnen.

1886 heiratet Franz-Xaver Monika Mühlhölzl, geborene Zellhuber, verwit­wete Wimmerbäuerin aus Haslach. Ihre fünf Kinder werden in Glonn auf­gewachsen sein, denn das Anwesen in Haslach wird zum Teil noch 1886 verkauft. Aus der Ehe mit Schwaiger kommen noch fünf Kinder hinzu. Ne­ben der kleinen Landwirtschaft, dem Botengeschäft wird nach Aktenlage auch die Lebzelterei betrieben. Vermutlich wird die Bäckerei Marais, die 1898 aufgeben wird, von Schwaiger übernommen. Damit wird das Anwe­sen auch zur „Bäckerei und Konditorei”. Schon um 1890 ist auf dem Haus auch die „Melberei” (Mehlhandlung) vermerkt. 1869 wird bei der Glonner Gemeinde der „Fouragehandel”, also der Handel mit Pferdefutter ange­meldet. An den „Kolonialwarenhandel” erinnert die Glonner Dichterin Lena Christ in ihren „Lausdirndlgeschichten” als sie ihrer Freundin Schwaigers „Pommeranschen” (Orangen) anbot, die aber „Zitronen” waren. Die Salz­niederlage entnehmen wir einer Anzeige von 1900 und den Getreidehan­del laut Erlaubnisschein von 1922. Ab 1929 betrieb man auch eine Geflü­gelfarm. Auch der Krauthandel und das „Krautschneiden” gehört einmal zum Angebot des „Bot”. 1929 waren es zum Beispiel zehn Waggons.

Nun zum eigentlichen „Boten-Geschäft” wie es Franz Schwaiger (3) *1921 beschreibt: Zum Anwesen gehörten fünf Pferde. Zwei für die Landwirt­schaft, zwei für die Spedition und eines für die Bäckerei. Mit diesem wur­den die Dörfer rundum versorgt. An verschiedenen Tagen gab es mit dem „Gäuwagerl”, das von der „Oberdirn” gefahren wurde, verschiedene Tou­ren. Das Pferdl kannte genau seine Häuser, wo es stehen bleiben musste. Der Umsatz betrug ca. zehn Reichsmark pro Tag in bar, und ca. acht Reichsmark wurden ins Schuldenbücherl eingetragen und erst an Neujahr bezahlt. Um etwa zwei Uhr nachmittags war die Tour zu Ende. Es wurde ins „gefederte Bahnwagerl” umgespannt und vom Grafinger Bahnhof das Stückgut abgeholt und ausgefahren. Etwa Glas für die Glaserei Pitzer, oder Blech für den Spengler Strauß, aber auch Waren für das eigene Kolonial­warengeschäft.

Der Hauptzweig der Spedition waren die Fuhren nach München. Der Wag­ner Toni, „Botn Toni” genannt, war hier der „Spezialist”. Der Fuhrknecht hatte für seine Aufgabe verschiedene Befugnisse: Er konnte Bauern zum Beispiel für den „Vorspann” verpflichten, aber auch Polizei und Militär um Hilfe bitten. Je nach Art des Gutes standen hierfür verschiedene Wagen in der Remise: Wie Plachen-, Bruck- und Heuwagen. Wie es heißt insgesamt zwölf. Mehrfach deswegen, man brauchte ja auch die Wagen zum vorheri­gen Aufladen. Transportiert wurde zum Beispiel Heu und Getreide fürs Mi­litär. Da diese Tour an einem Tag nicht erledigt werden konnte, wurde am Rosenheimer Platz Unterkunft „beim Lift’n”für Mann und Ross genom­men. Oft wurde die Ware am Viktualienmarkt „umgeschlagen” und das fi­nanzielle abgewickelt. Gegentransporte wird es auch gegeben haben.

In früheren Zeiten nutze man, wegen der steilen Berge, den Weg über Ad­ling. Deswegen wurden die „Stadtpferde” erst in Oberpframmern einge­spannt. Wie Schwaiger auch weiß, waren solche Transporte durch Räuber gefährdet. Heimwärts hatte der Fuhrknecht ja auch den Erlös bei sich. Des­halb hatten zwei Hunde den Transpost zu begleiten. Einer „der Waglhund” hatte unter dem Wagen sein aufgehängtes Quartier und der andere auf dem Wagen.

Mit dem Bahnanschluss Glonns 1894 war das „Botengeschäft” nicht erle­digt. Die Bahn konnte zum Beispiel Ware nicht „von Stadel zu Stadel” lie­fern, da hätte man umladen müssen. Die zwei Pferde in der Landwirt­schaft wurden natürlich auch in der Spedition im engeren Umkreis einge­setzt. Da gab es ja genügend Bauern, die nicht mit Roß und Wagen zum Beispiel ihre Baumstämme zur Säge bringen konnten. Schon der gut 13­jährige Franz (3) musste hier tätig werden. Als ihm einmal bei einer Fuhre, beladen mit fünf Stück 15-Meter langen Stämmen, durch einen Schuss des Försters Link die Pferde „scheu” wurden und die Deichsel des Vorderwa­gens über den Köpfen der Pferde im „Kitzelseemoor” lag, da pressierte es. Der „Bub” lief nach Glonn, um Hilfe zu holen. Dabei verständigte er auch die Adlinger. Bis aber aus Glonn Hilfe kam, hatten einige Adlinger die Pfer­de schon gerettet. Wer denkt da nicht gleich an Kinderarbeit, aber der Schwaiger Opa ist trotzdem 94 Jahre alt geworden.

Dass beim „Bot” ein guter Arbeitsplatz war, wird auch vom Schriftsteller Hans Ernst, der einige Jahre dort Knecht war, in „Hand am Pflug” bestätigt. Aber auch der „Wagner Toni” der schon 1897 beim „Bot” als stolzer Fuhr­knecht auf einem Foto zu sehen war, sowie der Bäckermeister Josef Biede­rer, der von 1918 bis 1942 beim „Bot” war, und viele andere, werden dies anerkennen. Aber auch die „guten Geister” des Hauses wie „Aya” Christine (1889-1980) und Hildegard (1926-1989) Schwaiger dürfen nicht vergessen werden.

zurück

Unsere gute, alte Zeitung


von ©Hans Obermair
erschienen am 25. Mai 2023, im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Glonner Heimatforscher Hans Obermair blättert in Exemplar der „Neueste Nachrichten” aus dem Jahr 1871

So sah eine Werbeseite in „Neueste Nachrichten” vom 6. Dezember 1871 aus. Hans Obermair hat darin gestöbert. Foto: Archiv Obermair

Ein altes Sprichwort sagt: „Nichts ist so alt als die Zeitung von gestern.” Sicher noch eine Aussage aus der Zeit, in der es noch keine Medienvielfalt gab, so wie sie heute angeboten wird. Heute können auch die Nachrichten der aktuellen Ausgabe schon bei Erscheinen überholt sein. Für den Heimatkundler dagegen bieten Zeitungen aus früherer Zeit immer „Neues”.
Zeitungen heißen nicht nur so, weil man Zeit zum Lesen braucht oder ha­ben soll, sondern weil diese zeitbegleitend „Protokolle” der Vergangenheit sind. Wenn auch zeitgemäß, vom Autor oder vom Herausgeber beein­flusst. Gut dass es Archive und Sammler gibt, die dieses alte Kulturgut auf­bewahrt haben. Oft genug fehlen auch hier Ausgaben, weil Zeitungen aus Papier bestanden und zum Einwickeln, zum Anzünden aber auch im „stil­len Örtchen” ihre letzte Aufgabe zu erfüllen hatten, hier auch oft aus Neu­gierde oder zum Zeitvertreib noch ein letztes Mal gelesen.

Zeitung gibt es bei uns seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts. Erstmals si­cher in Handschrift und nur in wenigen Exemplaren und nur mit einer Sei­te. Die Nachfrage steigerte sich, sodass sich bald ein Druck rentierte. Es gibt wohl wenige Erfindungen mit so rasanter Entwicklung, sodass das Bremer Institut für Presseentwicklung allein für das 17. Jahrhundert, ob­wohl der „Dreißigjährige Krieg” sicher einen großen Einschnitt brachte, 60 000 Mikrofilme im Bestand verzeichnen kann. Der Vertrieb wird von An­fang im Abo als auch im freien Verkauf gewesen sein. Nach der vorliegen­den in München erscheinenden „Neueste Nachrichten” muss die Ausgabe vom 31.12.1871 die Nummer 365 haben, also erfolgten Ausgaben täglich.

Das vorliegende Exemplar aus dem Fundus meines Vaters, ist vom 6.12.1871 und wird wohl von meiner Ururgroßmutter, der Wirtin von Frau­enreuth, im Abo bezogen worden sein. Die Gesamtausgabe hat 41 Seiten auf einem Format etwas größer als DIN A 5. Das Blatt hatte also auch „Rei­seformat”. Es kann schon sein, dass man „mit Zeitung” damals eine inter­essantere Person war. Wahrscheinlich war das Blatt auch umsatzsteigernd im Wirtshaus aufgelegen. Es ist davon auszugehen, dass es im Ort sonst kein Abo gab. Wahrscheinlich haben die „Wirtin” auch die Ziehungen und die Zinstermine der Anleihen interessiert, die in der „Neuesten” regelmä­ßig veröffentlicht wurden. Die Witwe hatte also „Papiere”. Dass Geld da war, mag auch beweisen, dass man zwei Töchter in Glonner Mühlen und zwei, sowie einen Sohn, in respektable Höfe einheiraten lassen konnte.

Zur Zeit: Im Mai 1871 wurde offiziell der Krieg mit Frankreich von Deutsch­land siegreich beendet. Schon am 18. Januar 1871 hat man in Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen, was auch das Ende des bis dahin selbstständigen Königreiches Bayern bedeutete. Trotzdem begann auch für Bayern die „Gründerzeit” und damit einer ungeahnte Entwicklung. Die­se hat auch die volle „Bauernbefreiung”, von 1848, der Ausbau des Bahn­netzes, die Modernisierung des Gewerberechtes 1868, sowie der Wechsel vom Gulden auf die in ganz Deutschland gültige Reichsmark begünstigt. Mit „stolz geschwellter Brust” marschierte auch Bayern in die angeblich „gute alte Zeit”.
Aber blättern wir in der Zeitung von 1871: Natürlich stand auch „Deutsche Politik” auf Seite eins der Zeitung. Dann kommen bayerische Themen, zum Beispiel die „Abstellung der Verwendung von Schulkindern zu Ministran­ten” und dass diese nach dem Dienst ihren Durst mit ein paar Gläsern Bier löschen und dann, wie vorgekommen, „angeheitert” in die Schule kämen. Hier sei vermerkt, dass der Artikel mit „München” titelt. Weiter heißt es, dass die Altkatholiken Grafings und Umgebung eine Versammlung abhal­ten. Münchner Komiteemitglieder werden über die Altkatholische Bewe­gung aufklären. Auch der exkommunizierte Pfarrer Hosemann von Tun­tenhausen soll daran teilnehmen. Das Landvolk möge die Aufklärung un­parteiisch hören und einer Prüfung unterwerfen. Zwischen den Zeilen konnte man auch damals schon einiges herauslesen.

Weit mehr als die Hälfte der Zeitung nehmen die Anzeigen und Inserate ein. Sie sind wahrscheinlich ein wichtiger Finanzierungsteil des Blattes. Aber auch für den Heimatkundler lohnend, weil damit die Alltagssorgen, Bedarf und Angebot der Leute spürbar sind. Es ist Anfang Dezember. Scheinbar wird ein harter Winter erwartet. Deshalb das Inserat” „Vergesset die armen Vögel nicht”. Es werden „Brodsamen” (Brotbrösel) empfohlen, wenn die Erde mit Schnee bedeckt ist. Anschließend wird mit „Nürnberger Lebkuchen” geworben. Todesanzeigen und Danksagungen, wohl nur der bürgerlichen Leser, gehören zum guten Stil. Aber auch an Weihnachtsge­schenke wird erinnert, hier geht es um Seidenstoffe. Sonnen- und Regen­schirme sind jetzt billiger, wohl eine Art Winterschlussverkauf, allerdings deutlich vor Weihnachten. Es folgt eine Werbung für den Verkauf von „Ci­garren” und für „künstliche Zähne u. ganze Gebisse aus Kautschuk, Gold, Platina per Zahn von 2 -7 Gulden und 38-200 Gulden für ganze Gebisse … werden schmerzlos eingesetzt” – „Fremde erhalten ein ganzes Gebiss in ei­nem Tag”. Wenn es nicht passt, wird keine Zahlung verlangt. Wem kommt das, bis auf den letzten Satz, nicht bekannt vor? Scheinbar sind „ächte” Nähmaschinen der große Renner. Ein „Generalagent” bietet ein englisches Fabrikat an. Auch die Schreibbranche empfiehlt sich in der Zeitung: „An al­le Schreibende” – sie sollen sich vor „Fingerkrankheiten und Schreib­krampf’ schützen. Empfohlen werden „Federn” (wohl Schreibfedern), die „größte Elastizität besitzen” damit man ohne Anstrengung schreiben kön­ne. Dass der Lieferant auch „höchste Kreise” bedient, ergibt sich aus der Adresse: „Hoflieferant Sr. Mj. des Kaisers von Deutschland und Königs von Preußen”. Man könnte daraus für alle jetzt „Schreibende” den Schluss zie­hen, die Tasten polstern zu lassen. Das Patentamt wartet vielleicht schon auf solch eine Anmeldung.
In der gleichen Ausgabe wird „ächter, französischer, weißer, flüssiger Leim” angeboten, für alle möglichen Anwendungen. Sozusagen die Urform des Allesklebers. Anmerkung: Wenn die versprochene Wirkung nicht ein­tritt, ist man eben „auf den Leim” gegangen.

Einen breiten Umfang nehmen die Finanznachrichten ein. Wie oben bei der Wirtin von Frauenreuth schon dargestellt, „Fälligkeiten der Ziehungen (Auslosung)- Zinstermine” von öffentlichen und privaten Emitenten, seiten­weise.

Eine Neuemission vom Pfälzer Bankverein wird in „Thaler” angepriesen. Scheinbar hat man dort „Thaler” statt „Gulden” wie bei uns. Dass es da­mals auch schon Gerichtsvollzieher gab, erfahren wir in „Bekanntmachun­gen”, die auf Versteigerungen hinweisen. Auf der gleichen Seite werden Trompeten und Pferde angeboten. Dann warnt einer, dass er „Borg oder Schulden mit Beziehung zu seinem Namen nicht anerkennt”. Scheinbar hat man den adeligen Unterzeichner schon einmal geprellt. Ein „schwer bedrängter Familienvater” bittet um Hilfe „durch Gewährung eines Darle­hens”.

Den normalen Ausgaben wird regelmäßig eine „Beilage” angehängt, die nur aus Bekanntmachungen und Werbung besteht, die teilweise schon im Hauptteil erscheinen. Möglicherweise ist diese Beilage als eigene Ausgabe zu beziehen. In unserer Ausgabe weist die „Schedersehe Stiftung für Brautpaare” darauf hin, dass sie nicht die Eigenschaft einer Armenunter­stützung hat. Damit will sie sagen, dass man nur solvente Brautpaare un­terstütze. Dass 1869 Bayern das „metrische System” eingeführt hat, darauf weist ein Angebot hin: „Tabellen zur Verwandlung der bayerischen Maße und Gewicht in metrische und umgekehrt”. Der bayerische Gulden gilt aber noch, denn der Preis ist mit „30 kr” angegeben (60 Kreuzer = 1 Gul­den). Heute würde man sagen ein „Event”, das hier angeboten wird. Es wird für Januar ein zweitägiges Schlittenrennen in Miesbach angezeigt. Es lädt ein „Das Comite des Rennvereins Miesbach”. Man rechnet vermutlich auch mit Münchner Teilnehmern, ab 1861 gibt es nämlich die Bahn auch in Miesbach In einer Werbung von damals darf das Angebot an „flammenfeste Petroli- um-Glas-Cylinder” nicht fehlen. Ältere, die diese Beleuchtungsart noch er­lebt haben, werden dabei an den Petroleumgeruch in der guten Stube er­innert. Wer eine solche „Funsel” hatte, war auch in der Lage bei Dunkelheit im einbändigen „Mayers Handlexikon” zu lesen, wie angeboten, um „au­genblicklichen Bescheid” zu bekommen.

Einen breiten Raum nahmen in dieser Beilage auch die kleineren Anzeigen ein. Hier ging es um Kulinarisches und Gesundes, um Stellengesuche und Angebote, um Stoffe und Kleidung, um Immobilien privat und gewerblich, um Dienstleistungen und natürlich auch um „Heirath-Gesuche” wie: Eine Zimmermeisterstochter, welche das elterliche Anwesen übernehmen soll, bittet um „ernstgemeinte” Anträge. Das Angebot scheint lukrativ zu sein. Leider gibt es in der Anzeige keine Altersangabe. Dann ein Gemeindebe­amter „im bayerischen Hochlande” wünscht zur Führung des Hauswesens jüngere Person, welche nicht nur Kochen, Nähen etc. kann, sondern in al­len sonstigen weiblichen Arbeiten die erforderlichen Kenntnisse besitzt. Für die Bewerbung ist die „Beilegung von Photographien” zwingend. An­merkung: Für Koch- und Nähpersonal dürfte eigentlich kein, damals teures und aufwendiges, Foto nötig gewesen sein. Auch eine 34-jährige Gastwirts­witwe mit „beiläufig 4000 Gulden Vermögen” wünscht sich wieder zu ver­ehelichen. Am liebsten mit einem „Gastwirth oder Metzger”. Diese Anzeige wird wohl den meisten Zuspruch gefunden haben. Dann sucht ein Apothe­ker einen praktischen Arzt für eine niederbayerische 1500-Seelengemein- de. Der nächste Arzt ist zurzeit zwei (Geh)-Stunden entfernt. Diese Anzeige hat an Aktualität nichts eingebüßt.

Aus Zeitungen jeden Alters kann man auch Geschichten machen. So auch die Glonner Dichterin Lena Christ: In einer Zeitung erfuhr sie vom Schick­sal der „siamesischen Zwillinge”. In den „Erinnerungen einer Überflüssi­gen” hat sie aus dieser Nachricht „selbsterlebte” Kostkinder im Hansschus- teranwesen gemacht. Und so gäbe es einige Beispiele dieser Art, die Lena Christ in ihre Werke eingebaut hat. Sie war eben eine Dichterin. Dass die Zeitung ein Schicksal entscheiden kann, beweist Josef Esterl aus Mattenho­fen bei Glonn. Vor dem Ersten Weltkrieg war der großgewachsene Sepp im dreijährigen Aktivdienst beim Leibregiment. Nach diesem „Grundwehr­dienst” war er, ob seines vornehmen Auftretens, „Bursche” bei Graf Both- mer und anschließend bei Freiherrn von Poschinger. Der Erste Weltkrieg beendete diese Karriere. Das Ende war „Bauernknecht” auf dem elterli­chen Hof. Dass auch eine alte, „vom Winde verwehte” Zeitung noch etwas wert sein kann, erwies sich, als er diese Zeitung vom Straßengraben auf­ hob. In einem der Inserate stand, dass man Personal für die deutsche Bot­schaft in Brasilien sucht. Er bewarb sich, wurde genommen, brachte es vom einfachen Diener bis zum Haushofmeister (Hauschef einer Botschaft) und war dann bis zum Renteneintritt in den verschiedensten Botschaften der Welt unterwegs.

„Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern” hat es eingangs geheißen. Stimmt eben nicht. Viele Heimatkundler und Archive haben das widerlegt. Aber auch vielen Menschen kann eine alte Zeitung Erinnerung und Chance sein. Also: Eine Zeitung darfauch alt sein und als „Zeitprotokoll” kann sie gar nicht alt genug sein.

zurück

 

 

 

 

­

Hut ab


von ©Hans Obermair
erschienen am 16. Mai 2023 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Die Kirche von Frauenreuth ist ihren Zwiebelturm los – zumindest für die nächste Zeit. Er wurde mit einem Kran abgehoben und zwischen­gelagert. Die Zwiebel soll ihre Holzschindel verlieren und mit Blech verschalt werden. Die Frauenreuther hoffen, dass dann auch wieder die Glocken läuten können.

Mit Hilfe eines Schwerlastkrans wurde die Zwiebel vom Kirchturm in Frauenreuth in der Ge- meinde Glonn entfernt. Die neue Zwiebel wird mit Kupfer gedeckt sein. Foto: Hans Obermair

Wenn als erste urkundliche Erwähnung für den Ort das Jahr 1130 und für die Kirche 1315 festgestellt ist, so bedeuten diese Angaben nicht die tatsächlichen Anfänge von Frauenreuth. Ein Tuffplatten- grab und Hinweise, dass der Ort auf ehemals Tegernseer Grund steht, deuten auf das 8. Jahrhundert hin. Das heute noch gebräuchliche „Reit”, deutet auf eine Rodung, sowie auch bei Niklasreuth, das urkundlich 778 erstmals vorkommt. Auch die Aufschrift „Grueßt seitst tu Maria” der etwa von 1350 stammende Glocke, beweist, dass auch Kirche und Begräbnis deutlich älter sein können als ersterwähnt. Das „unser Fraun Räut” von 1416 ist dann eine deutlicher Hinweise auf die Wallfahrt. Natürlich auch die Madonna aus der Zeit um 1500, „von hervorragender Schönheit”, wie es in den „Kunstdenkmälern Oberbayern” heißt. Ab dieser Zeit hatte die Kirche auch einen eigenen Geistlichen. Und dass man 1707 eine wesent­lich größere Kirche einweihte, ist ebenfalls ein Nachweis für die Wallfahrt.

Der untere Teil des 1723 fertig gestellten Turmes stammt noch von der Vorgängerkirche. Der noch vorhandene Durchgang vom jetzigen Lang­hausspeicher in den Turm, in vielleicht sogar noch romanischer Manier, zeugt davon. Wahrscheinlich hatte man vor 1707 das schon so geplant, sonst hätte man auch den unteren Teil mit der übrigen Kirche abgerissen. Vielleicht auch wegen des Geläutes, das ja für den Ort von großer Wichtig­keit sein konnte. Oder: Eine Fertigstellung des Turmes mit der Kirche war entweder aus zeitlichen oder finanziellen Gründen nicht möglich. Es war ja auch die Zeit, die die Folgen des „Spanischen Erbfolgekrieges” bewältigen musste.
Dass die Turmhaube von 1723 eine kleinere Zwiebel mit Kragenansatz hat­te als die heutige Zwiebel, zeigt ein Votivbild von 1779. Wann die heutige „Zwiebel” erbaut wurde und über die frühere Deckung des Turmes, dar­über haben wir keinen Nachweis. Dass die Zwiebel mit Holzschindeln ge­deckt ist, dafür haben wir erst in einer Kirchrechnung von 1882 den Be­weis. Es könnten zwei weitere Neudeckungen gewesen sein, bis es 1951 wieder so weit war. Schon damals wollte man laut eines Zeitungsberichts „Blech”. Gemeint war wohl Kupfer. Vielleicht wäre es für alte Frauenreu-ther 1951 schon die dritte Schindeldeckung gewesen, an die sie sich erin­nern konnten. Auch deshalb haben sie sich für das für länger herhaltende „Blech” entschieden. Damals wurden es allerdings wieder Schindeln, weil entweder Kupfer nicht zur Verfügung stand, und/oder weil Schindeln aus dem eigenen Kirchwald billiger waren. Aber auch weil sich der Denkmal­schutz auch damals auf Schindeln festgelegt hatte.
Bei der notwendigen Neudeckung von 1977 verordnete der Denkmal­schutz aus Traditionsgründen wieder Holzschindeln. Was auch vollzogen wurde.

Nach gut 30 Jahren musste erneut eine Reparatur beantragt werden. Spechte und Tauben hatten wieder ganze Arbeit geleistet. Es war 2012, als ein Gutachten dies feststellte. Das Ergebnis wurde von der Erzbischöfli­chen Finanzkammer anerkannt. Obwohl der Kirchenpfleger immer wieder an die Dringlichkeit erinnerte, sorgte ein Bewertungsschema für Aufschub. Jetzt hat man auch noch festgestellt, dass sich der Kirchturm beim Läuten bewegte. Letztlich führte das zum Verbot des Läutens. Was die Frauenreu-ther besonders vermissen. Ab 2021 – vielleicht hat ein Schreiben an Kardi­nal Marx etwas Bewegung gebracht – ist die Behebung der Schäden wie­der auf der Tagesordnung. Die Kirchenverwaltung hat auch diesmal „Verblechung” beantragt, was auch von der Finanzkammer unterstützt wurde. Der Denkmalschutz hat aber wieder Holzschindeln vorgeschrieben. Erst als dann Landrat Robert Niedergesäß, der Chef der Unteren Naturschutzbe­hörde im Landkreis, mit einer umfangreichen Begründungsliste einge­schaltet wurde, kam umgehend der Genehmigungsbescheid, diesmal mit „Verblechung”. Dass Kupfer mit drei- oder vierfach längerer Haltbarkeit, bei kaum höheren Kosten, erhebliche Vorteile bot, war sicher mit aus­schlaggebend. Damit muss sich die Kirchengemeinde Frauenreuth nicht schon wieder nach rund 30 Jahren mit einer Turmsanierung beschäftigen. Auch mit dem Hintergrund, man wisse nicht, ob es in rund drei Jahrzehn­ten noch eine „funktionierende Kirchengemeinde geben werde, weshalb eine Bedachung (…) möglichst langfristig ausgelegt werden solle”.

Die Glonner und die Frauenreuther Kirchengemeinde sind daher dem Landrat sehr dankbar und meinen, dass damit dem langfristigen Denkmal­schutz der Wallfahrtskirche mehr geholfen ist als mit dem bisherigen „Dauerbrenner” Schindeln.

Mittlerweile sind fast Zweidrittel der Türme im Landkreis mit Kupfer ge­deckt, was bei weitem nicht den ursprünglich verbauten Material ent­spricht. Überdies fällt es in nachgedunkeltem Zustand sowieso kaum auf, ob Kupfer oder Schindeln. Auch die Frauenneuhartinger und Egglburger können das bestätigen. Dass mit der Verblechung gegenüber Schindeln die Frauenreuther Turmzwiebel um bis zu zwei Tonnen weniger Gewicht haben wird, und das „ganz oben”, lässt die Frauenreuther hoffen, „ihr” Ge­läut bald wieder hören zu dürfen. Sollte das Gewicht dennoch aus stati­schen Gründen wichtig sein, könne man es ja auf der Innenseite des Tur­mes als stabilisierenden Ring an geeigneterer Stelle mit armiertem Beton auch herstellen.

zurück

 

06.06.2023, 09:08

 

 

Eine Bücherei wird 100


von ©Hans Obermair
erschienen am 18. April 2023 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Von den Anfängen der Glonner Volksbibliothek bis heute

Bibliotheken sind eine uralte Einrichtung. Die Volksbibliothek, in der sich alle Interessierten bedienen können, stammen bei uns aus dem 19. Jahrhundert, waren aber um 1900 noch nicht sehr verbreitet – noch weniger auf dem Land. Umso bemerkenswerter ist, dass Glonns Geistli­cher Rat Späth, gebürtiger Münchner und seit 1869 Glonner Pfarrer, schon an eine Volksbibliothek in Glonn dachte. Er war der Initiator der Glonner Mädchenschule, die er auf eigene Kosten errichten ließ. In seiner Stiftungs­urkunde, in der er die bis dahin ihm gehörende Schule an die Gemeinde übertrug, verfügt er nämlich: „In dem Schulgebäude soll außerdem die pfarramtliche Bibliothek in einem geeigneten, zugleich als Studierzimmer verwendbaren Raum Aufstellung finden.”
Mit „Studierzimmer” meinte er wohl einen Leseraum, um vielleicht solchen Kindern, denen man keine Bücher mit nach Hause geben wollte, auch das Lesen zu ermöglichen. Auch im Bauplan von etwa 1898 für die Mädchen­schule ist im Dachgeschoss bereits ein Raum mit „Bibliothek” bezeichnet. Dass es sich hierbei nur um eine Bibliothek im Sinne eines Archives für das Pfarramtes handeln könnte, ist unwahrscheinlich. Warum sollten sich Pfar­ rer und Kooperator zu Studien außer Haus bemühen, bei einem so großen Pfarrhof. Dieses „pfarramtlich” wird wohl bedeuten, dass es sich einmal um eine Volksbibliothek unter der Aufsicht des Pfarrers handeln sollte.
Warum also wurde eine Volksbibliothek dann erst 1923 eingerichtet: Einen Termin für diese Verpflichtung finden wir in der Stiftungsurkunde nicht. Die Einrichtung des Hauses, auch die Wohnung der Schwestern, hatte die Gemeinde zu besorgen. So könnte es auch am Geld gelegen haben. Wei­ter: Ob bei der Gemeindeverwaltung und der Bevölkerung für eine Biblio­thek der große Bedarffestzustellen war, sei dahin gestellt. Pfarrer Späth verstarb am 9. Januar 1910. Wer sollte jetzt noch auf die Durchführung dieses Projektes gedrängt haben? Von 1914 bis 1918 war Krieg und nach­her gab es viel Wichtigeres für die Gemeinde, als eine Volksbibliothek.

Erst Pfarrer Schrall, der Nachfolger von Späth, vielleicht aber auch die Klos­terschulschwestern, ergriffen die Initiative. Der Bericht des „Oberbayer” vom 20.4.1923 beginnt mit „Endlich”. Er sagt damit aus, dass man auf die­se Einrichtung gewartet hat. Weiter heißt es, dass eine „überaus stattliche Anzahl” an ausgewählten Büchern in der Mädchenschule zur Verfügung stehe. Dieser „Bestand” wurde nicht gänzlich neu gekauft, sondern könnte gespendet oder von anderen Beständen übertragen worden sein.
Es war eine sehr arme Zeit und noch dazu mit hoher Inflation. Man bat deshalb nicht um Geldspenden, diese würden ja innerhalb Wochen ihren Wert verlieren, sondern um Baumstämme, deren Wert sich bei steigender Inflation nicht minderte. Wie es heißt, war das „Holz” für die Einrichtung beziehungsweise für den Schreiner, der ohne „Ware” eventuell nicht liefer­te. Es waren insgesamt fast 5 cbm und der Kubikmeter brachte 300 000 Mark ein. Einer der Käufer zahlte sogar noch „nach” anstatt von ehemals, wertlosen sechs Billionen Mark (zwölf Nullen) anständigerweise sechs Goldmark. Es war Anfang 1924, also nach der Inflation. Eine Spendenquit­tung wie heute wird es nicht gegeben haben. Deshalb sollte man die Holz­spender nicht vergessen. Es waren: Baron Büsing von Zinneberg, Auer und Rauth von Frauenreuth, Obermaier und Spettberger von Hafelsberg, Esterl von Reisenthal, Loidl von Spielberg, Sigl von Reinstorf, Abinger von Kreuz, Winhart von Ursprung und Daxnervon Adling.

Jedenfalls, so heißt es, haben die Klosterschwestern die „mühselige” Klein­arbeit des Ausleihens übernommen. Im Wesentlichen war dies Schwester Bernardine Ausberger, die spätere Oberin des Hauses.

Dass im ersten Jahr die Ausleihgebühr pro Buch noch eine Höhe von zehn Milliarden erreicht zeigt die Inflationszeit. Für 1924 wird berichtet, dass Karl-May-Ausleihungen an erster Stelle stehen. Dies muss für eine Biblio­thek deren „Chef’ der Herr Pfarrer und dessen Bibliothekarin eine Nonne ist, verwundern. Es zeigt aber auch, wie sehr man jugendorientiert und weltoffen war. In diesem Jahr ist auch der Bücherbestand um etwa 100 Bände gewachsen. Im Jahr später (1925) war der Zuwachs 129. Jetzt hat man gut 600 Bände und 1657 Ausleihungen fürs Jahr. Öffnungszeit war immer sonntags nach dem Gottesdienst. Die Räume der Bibliothek sind nicht mehr im Dachgeschoss der Mädchenschule, wie im Plan vorgesehen, sondern im Erdgeschoss, wo auch die Schulräume sind. Bis 1927 wissen wir noch relativ viel, weil Cooperator Huber sich als „Chronist” betätigte und uns Aufzeichnungen hinterließ. Schade dass für die Zeit von 1927 bis 1933, außer ein paar Veranstaltungshinweise in den Tageszeitungen kei­nerlei Quellen, weder aus dem Pfarr-, noch aus dem Gemeindearchiv aus­findig gemacht werden konnten. Aber wir dürfen davon ausgehen, dass die Ordensschwestern für einen geregelten Betrieb sorgten.

Das wird während der Jahre von 1933 bis 1945 nicht immer leicht, mit Si­cherheit zunehmend schwieriger, geworden sein. Auch mit dem Hinter­grund, dass die Schwestern nicht mehr unterrichten durften. Dass doch noch ein Ausleihebetrieb möglich war, zeigt uns eine Bücherbestellung von 1939 durch Pfarrer Boxhorn.

Ab 1937 gab es dann in Glonn eine Konkurrenz. Dem Schriftverkehr der Gemeinde und Presseberichten nach hat Bürgermeister Lanzenberger im Rathaus ab Ende 1937 eine „Volksbücherei” aufgebaut. In der Zeitung hei­ßt es, der „Anfang bzw. die Gründung dieser Bücherei war natürlich schwer” und von einem „längst gehegten Wunsch”. Was das auch immer bedeutet, jedenfalls hat man damit dem Wunsch „von oben” Rechnung ge­tragen. „Politische Bücher der Bewegung” standen in einer Auflistung ganz oben. Dieses „natürlich schwer” klingt schon fast wie ein Seufzer und meint damit den Widerstand aus dem katholischen Lager. Ob hier auch „Karl May” die Liste der Ausleiher anführte? Jedenfalls existierte diese NS- beaufsichtigte Bücherei bis Kriegsende. Mit welchem Erfolg, ist nicht nach­prüfbar.

Die Bücherei in der Mädchenschule – jetzt gehört das Gebäude nicht mehr der Gemeinde, sondern der Diözese –  bekam von der Militärregierung 1946 wieder den „amtlichen Stempel”. Schwester Richarda ist jetzt die Bibliothe­karin. Bis 1964 blieb man in der Mädchenschule und siedelte dann in die nicht genutzte Registratur im Rathaus um. Schwester Salesia Wolf ist nun die Leiterin. Sie muss zurück ins Mutterhaus und wird von Schwester Fer dinanda abgelöst. 7000 Mark hat man investiert. Eine Hälfte kam vom Mi- chaelsbund und die andere von Klara Lebsche.

1967 siedelte man in das untere Geschoss des 1966 neu erbauten Pfarr­heimes mit Kindergarten. Anna Held war im Rathaus mit eingebunden. Sie hatte in der Münchner Stadtbibliothek schon gearbeitet und brachte viel Erfahrung mit. Bis Anfang der 1980-er Jahre arbeitete sie für die Bibliothek. 1983 ist sie im Alter von 84 Jahren verstorben.

1974 (2365 Bände) übernahm die pensionierte Lehrerin Katharina Faßrai- ner für zehn Jahre die Leitung der Bibliothek. Schon 1973 geht die Träger­schaft von der Pfarrei per Vertrag auch auf die Gemeinde über. 1984 über­nimmt die Leitung Elenore Zeltner. Der Bestand von 8688 Bänden in 1988 wird mittlerweile auch ergänzt mit fast 500 Kassetten. 882 Nutzer bringen 16 000 Ausleihungen. 15 Frauen stehen Zeltner zur Seite, Bestand und Ausleihungen steigern sich weiter. Zunehmend stellt sich die Platzfrage. Die Lösung: Der 1842 gebaute und als Denkmal geschützte Pfarrstadel, im Eigentum der Pfarrei, und ganz in der Nähe des bisherigen Standplatzes, kann zu einer Bücherei um- und ausgebaut werden. 1,3 Millionen Mark sind erforderlich. Mit gut 700 000 Mark bezuschusst das Erzbischöfliche Ordinariat das Vorhaben, der Rest kommt mit 200 000 Mark von der Ge­meinde, 130 000 von der Pfarrei, 93 000 vom Michaelsbund, 81 000 vom Landkreis und 30 000 vom Denkmalschutz. Die Hauptverantwortlichen sind damals Dekan und Pfarrer Schneider und Bürgermeister Sigl. In einer Schrift heißt es „die Architekten und Ordinariatsrat Horn ließen das Werk glänzend gelingen”.

Die Baukommission hat damals Prälat Schneider geleitet. Er war von 1961 bis 1963 Kaplan in Glonn und kennt die Situation bestens. Die neue Büche­rei kann am 15. Juli 1989 durch Prälat Schneider eingeweiht werden. Heute steht im Zentrum Glonns ein Musterbau, der Funktionalität und Denkmal­schutz in Einklang bringt.

Die Bücherei leitete von 1995 bis 2016 Monika Faßrainer. Ihre Nachfolge­rin ist Petra Höreth, die bis heute in bewährterWeise mit einerweiteren Mitarbeiterin die Leitung innehat. Die Arbeit wäre nicht zu bewältigen wenn es nicht, wie auch schon in früheren Zeiten, ehrenamtlich Helferin­nen und Helfer gäbe. Zurzeit sind es 20. Die Zahl des Bestandes liegt, schon wie seit einigen Jahren bei rund bei 11 000 Exponaten. Mit dieser Menge ist die Bücherei aber auch räumlich an ihrem Limit angekommen. Die verschiedenen Medien werden zahlenmäßig angeführt von den Kin­derbüchern. Dann folgen Romane/Jugendbücher und Sachbücher. Auch neuere, so auch elektronische Medien, Zeitschriften, Hörbücher, Tonies (kleine Figuren, die Geschichten erzählen oder Lieder abspielen) und Spie­le sind im Sortiment. Inklusiv der digitalen Ausleihungen mit etwa 15 Pro­zent, sind es in 2022 gut 37 000. Vor der Pandemie war die Zahl der Auslei­hungen bei annähernd 45 000. Trotz dieses Rückganges ist seit 2007 im­mer noch eine Steigerung von rund 15 Prozentfestzustellen. Das Buch hat also noch Zukunft. Dies wird erst recht damit verdeutlicht, dass rund 40 Prozent der Ausleihungen Kinderbücher betreffen, und das mit steigender Tendenz.

Ein Büchereisiegel des Sankt Michaelsbundes bezeugt, dass diese Biblio­thek auf der Höhe der Zeit ist. Die Homepage der Bücherei gibt weitere Auskunft zum Beispiel über die Öffnungszeiten aber auch über elektroni­sche Ausleihmöglichkeiten. Wer mehr über die Geschichte der Bücherei erfahren will, der kann es über die Broschüre des Gemeindearchives tun.

zurück

 

Unser Lesebuch


von Hans Obermair©
erschienen am 20. Februar 2023 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

Einblicke ins Standardwerk des Unterrichts an bayerischen Volks­schulen aus dem Jahr 1947

Wem von den älteren Lesern kommen die Gemälde auf den Umschlagseiten nicht bekannt vor? Sie zierten die Auflage des 1947 heraus gegebenen Lesebuches für das siebte und achte Schuljahr, also für die da­mals beiden letzten Klassen der Volksschule.
Diese Gemälde sind Hauptwerke der Deutschen Malerei und dürften am Beginn des zweiten Viertel des sechszehntenJahrhunderts entstanden sein. Der Nürnberger Albrecht Dürer war der Meister. Genannt wird das Werk die „Vier Apostel”. In einer frühen Schrift werden diese „menner” als Petrus, Johannes, Paulus und Markus bezeichnet. Unter den zwölf Apos­teln finden wir Paulus und Markus allerdings nicht. Markus war einer der vier Evangelisten und Paulus wird zwar als „Völkerapostel” bezeichnet, zählt aber nicht zu den klassischen Zwölf.
Sehen wir uns die vier Attribute (Buch-Johannes, Petrus-Schlüssel, Markus- Schriftrolle und Paulus-Schwert), dann trifft das auf die genannten zu. Die beiden Gemälde sind im Eigentum der Bayerischen Staatsgemäldesamm­lung.

Fritz Färber besorgte die Textauswahl des Bandes. Dass auf Seite drei des Lesebuches ganzseitig Dürers „Betende Hände” gezeigt werden, sagt uns, dass auch grafisch nach dem sogenannten „Tausendjährigen Reich”, ein Neuanfang dringend geboten war. Dieses Ziel verfolgt auch die weitere Bildauswahl. Auf der zweiten Seite ist die Genehmigung der Amerikaner sozusagen als Vorwort vermerkt: „Education and Religious Affairs Branch Office of Military Government for Germany (US)”. Es ist die Abteilung Bil­dung und Religion der Militärregierung für Deutschland. Text und Bilder hatten also auch, oder nur diesem Maßstab zu entsprechen.

Soweit ich mich erinnere, konnte das Buch von den Eltern erworben oder ausgeliehen werden. Der Name des benutzenden Kindes war ins Buch zu schreiben und so konnte, gerade in späteren Jahrgängen, die Reihe der Entleiher nachvollzogen werden.

Dass die Lesebücher pfleglich zu behandeln und deshalb einzubinden wa­ren, verstand sich von selbst. Der „Apostelumschlag” war nicht mehr zu se­hen, denn durchsichtige Folien, so wie heute, standen damals nicht zur Verfügung. Es gab aber auch oft kein ordentliches Einbindepapier, so dass ersatzweise Zeitungs- oder Packpapier verwendet wurde. Heute verklebt man die Ecken mit „Tesa”, damals war es der gute alte „Mehlpapp”- mit Wasser angerührtes Mehl.

Das Buch hat einen Umfang von 436 Seiten. Mit seinen 329 Textbeiträgen, davon rund ein Drittel als Gedichte und 136 Bildern, teils ganzseitig, ist es wahrscheinlich eines der umfangreichsten und aufwendigsten Bücher, die 1947 in Bayern aufgelegt wurden. Über die Höhe der Erstauflage ist nichts angegeben. Aber es könnten schon einige 10 000 gewesen sein. Also auch ein enormer Papieraufwand, der sicher ohne amerikanische Genehmigung und wohl auch Hilfe nicht bereitgestellt werden konnte. Aber auch daran mag der Wille zur Überwindung des Dritten Reiches erkennbar sein.

Die Texte sind des Öfteren in Ich- oder Wirform abgefasst, wahrscheinlich, um das individuelle Denken zu fördern. Also weg vom Denken in Staats­normen.
An der Spitze der Autoren steht mit 15 Einträgen Johann Wolfgang von Goethe. In der Mehrzahl mit Gedichten. Damit ist er wahrscheinlich der am meisten „Benützte” des Buches. Seine Gedichte waren ja Stoff zum auswendig lernen: „Vom Eise befreit” (Osterspaziergang), oder, oder. Schil­ler ist mit nur zwei Beiträgen im Buch, beschäftigte aber mit dem Auswen­diglernen ebenfalls alle Jahrgänge, eben das „Lied von der Glocke”, und mit dessen Kurzform „Erde-Glocke-Bimbim” wir unsere Gaudi hatten. He­bel und Hesse, Claudius und Rilke und viele andere. Alle wurden sie uns in diesem Buch näher gebracht. Natürlich auch unsere Heimatdichter, wie Ludwig Thoma, Schrönghammer-Heimdal und Carossa, dem unser Wolf­gang Koller sehr verbunden war.
Besonders seien Lena Christ und Helmuth von Cube erwähnt, die bei uns ihre Dichtkunst entfalteten. Vielleicht auch Eugen Roth, dessen Familie beim „Steffl” in Balkham Unterschlupf fand, und dem ein Gedicht auf die Stefflmutter nachgesagt wird, weil sie so gute Schmalznudeln aufgetischt hatte.

Lena Christ, 1947 sicher nicht so populär wie heute, ist natürlich für uns besonders interessant. Mit ihrem Auszug aus dem Roman „Matthias Bichler” vermittelt sie, was ein „Kammerwagen” ist, nämlich jener „Schatz” den die Braut Tage vor der Hochzeit auf ihr künftiges „Dahoam” eben mit dem so genannten Wagen bringen lässt. Hinten nach trottet die „Brautkuh”, zwar etwas unfreiwillig, aber sie gehörte dazu. Das Interessante dabei ist, dass der „Kammertwagen”, wie er bei uns genannt wurde, 1947 in ländli­chen Gegenden noch „der Brauch war”. Womöglich hat dieser Eintrag dem Ganzen sogar noch einen „Schub”gegeben.
Und dann mit zwei Einträgen Helmuth von Cube. Er und sein Bruder Wal­ter haben die Umstände der Zeit, Walter nach Loibersdorf und Helmut nach Balkham, verschlagen. Beide entstammten einem baltischen Adel und werden hier anfangs ihre Schwierigkeiten gehabt haben, alles zu ver­stehen und zu begreifen. Scheinbar ist es gut gelungen, zumindest dem Hellmuth von Cube. Denn 1949 veröffentlicht er im Merkur einen Bericht über Glonn und natürlich die Glonner. Von seinem „zu Hause” im Balkhamer Stefflhaus hat er Glonn nicht nur von oben gesehen, sondern hat es auch erlebt.
1969 beweist er in einem Artikel, dass er zum Lena-Christ-Kenner gewor­den ist. Seine zwei Einträge in unserem Lesebuch befassen sich allerdings mit „Viechern”. Einmal „der Hund”, vom kleinen Hund und vom großen Mann. Und ein zweiter, kurze Beitrag ist überschrieben mit „die Eidechse”. Zwei Tiere, die der Dichter im ländlich-bäuerlichen Balkham wohl hautnah erlebt hat.

Für viele Schulkinder war dieses Lesebuch ihr „erstes Buch”, so geschaffen, dass man es als literarischen Schatz sehen und zu Hause lesen kann und sollte. Wie ich mich erinnere, war dies bei mir weniger der Fall. Es wurde „nur” in der Schule zum Vorlesen eingesetzt. Konkurrenz war da, zumin­dest bei mir, Karl May und die Western-Heftl, deren Auflagen sich ab den Fünfzigerjahren sprunghaft entwickelten.

Aber immerhin, es wurde viel gelesen. Überdies musste das Lesebuch am Ende der achten Klasse wieder zurückgegeben werden. Es blieb aber in gu­ter Erinnerung, so dass ich, vielleicht nach sechs Jahrzehnten, das antiqua­rische Angebot im Internet nutzte. Seither steht es wieder in meinem Re­gal und kommt mir interessanter vor als zu Schulzeiten.

zurück

 

 

Löschwasser in Lederkübeln

von Hans Obermair
erschienen am 05. August 2023 im Lokalteil der Ebersberger Zeitung

125 Jahre Feuerwehr Frauenreuth
Jubiläum gewährt Einblick in die Anfänge des Rettungswesens

Die Votivtafeln in der Frauenreuther Kirche sind wichtige Zeugen der Vergangenheit. Und so ist eine von 1779 Zeugin eines Brandes auf dem Simernanwesen. Sicher nicht der erste Brand in diesem Ort, aber der erste dokumentierte. Die Simmerbäuerin Elisabeth Mair, schildert den Brand wie folgt: „Allhero verlobte sich von hier Elisabeta Simmä Obermayrin, da dies Haus bei der Nacht ungefer zu brinnen angefangen und schon in vollen Flammen und Gefar stunt, da sie in Schreken nit mehr wußte ober der Man die Kinder all zwey ausgetragen, wagte sie sich noch um das Kind hinein, und glicklich davon gebracht. Gott und der aller Seligst Muetter Gottes sey ewig dank gesagt 1779″.
Also nicht nur ein Brand, bei dem das gesamte Anwesen zum Raub der Flammen wurde, sondern auch eine dramatische Rettung von mindestens einem Kind. Wahrscheinlich war es die zweijährige Maria, denn die fünf­jährige Elisabeth wird es alleine oder mit dem Vater geschafft haben. Auch heute noch nennt man sich beim „Siman”. Dass der Brand so ausgehen musste, hat sicher mit dem damaligen Löschwesen zu tun. Es beginnt schon beim fehlenden Wasser, das mit den üblichen Lederkübeln zum Brandort gebracht wurde, aber bei „dem” Feuer nicht wirksam sein konn­te. Es konnte also nur heißen: „Rette sich, wer kann”. Und wenn das gelang und das Vieh dazu, war es schon ein gelungener Brandeinsatz.
Wo das Gemeinwesen dann wirklich funktionieren konnte, war beim „Ab­räumen” und dann bei der Unterstützung der „Brandleider“. Und so sind auch Vorschriften zur Verhütung von Feuer frühe Baugesetze. Zum Bei­spiel: Backöfen und Badstuben durfte man nur abseits von Anwesen zu er­richten. Schon 1554 gibt es ein Feuerstättenverzeichnis.

Dass die „Feuerwehr” auch schon vor 1898 ein Thema in Frauenreuth war, bezeugt ein Vorgang aus dem Jahre 1867. Die Gemeinde hat den Ankauf einer neuen Spritze, finanziert durch den „Mehlaufschlag”, beschlossen. Frauenreuth und Mattenhofen misstrauten allerdings diesem Beschluss, dessen Stimmen, wie sie behaupten, in Kneipen und Schnapsschänken ge­sammelt wurden. Außerdem seien sie von Glonn so weit weg und zudem durch einen Wald getrennt, sodass man ein Feuer bei ihnen von Glonn aus gar nicht sehen könne und ihnen damit eine neue Spritze als „Filialisten” sowieso nicht zugutekäme. Sie würden eine Handspritze für den äußers­ten Notfall vorziehen, zumal ihr wasserarmer Ort eine neue Spritze sowie­so nicht speisen könne.

Die „Filialisten” Josef Obermüller „Huber” ,Frauenreuth, Josef Steinecker „Überloher” und Peter Höller „Weber” Mattenhofen beschwerten sich so­gar bei der Kammer des Innern und wurden deswegen beim Bezirksamt vorgeladen. Mit Erfolg, denn ein Glonner Spritzenkauf ist erst 1870 nach­zuweisen.
Den früheren Pflichtfeuerwehren, die von den Gemeinden eingerichtet und überwacht wurden, folgten ab etwa 1860 „Freiwillige”, wohl auch des­wegen, weil die „Freiwilligkeit” effektiver war. Die ersten feuerwehrtechni­schen Anlagen außerhalb Glonns sind ab 1880 die „Wasserreserven”. In Frauenreuth ist dies 1882. Die Glonner Freiwillige Feuerwehr gibt es ab 1872. Sie war natürlich auch bei Bedarf in den Gemeindeorten im Einsatz. Diese „Wasserreserven” wurden auch auf Verlangen der Glonner Wehr ge­schaffen. Dass man diese Löschweiher auch zum „Wässern” der hölzernen Wagenräder gebrauchen konnte, mag den Bau von Löschweihern geför­dert haben.

Das Jahr 1898 ist also nur der Beginn einer Freiwilligen Feuerwehr in Frau­enreuth. Sie umfasste, entsprechend dem Kirchensprengel, die Orte Frau­enreuth, Mattenhofen, Hafelsberg und Überloh. Bereits 1895 erhielt Frau­enreuth zwei Hydranten mit Standrohr und einen Meter Schlauch. Es gab also bereits eine Wasserleitung der Ortschaft, die im Jahre 1897 teilweise neu hergestellt wurde. Die Gemeinde Glonn gab hierfür einen Zuschuss von 400 Mark. Im gleichen Jahr wurde durch den „Noimer” Josef Niedermaier auf seinem Hofgelände ein Feuerwehrhausgebaut. Dieses Haus wurde vor ein paar Jahrzehnten abgetragen.

Anlass für die eigentliche Gründung war die neue Saug- und Druckspritze für 1150 Mark, die am 29. Juni 1898 geliefert wurde und heute noch in Frauenreuth steht. Der Beschluss des Gemeinderats ist bereits von 1897. Das eigentliche Gründungsdatum wird mit dem 17.7.1898 angegeben. Nachdem man wusste, wie viele Personen auszurüsten waren, konnten dann am 14. August 1898 die Gegenstände angeschafft werden. Laut In­ventarbuch sind es 28 Positionen für insgesamt 300 Mark und 84 Pfenni­ge. Hier war an alles gedacht: So sind für den Helm des Kommandanten und für die zwei Zugführer drei „Roßhaarbüschel” verzeichnet. Auch eine Sanitätsausrüstung, bestehend aus einer Tasche, einer Gurte und einer Armbinde, waren notwendig. Die 35 „Kokarden” lassen auf die Mann­schaftsstärke schließen und das Signalhorn hatte einen „es”-Bogen. Am 28.8.1898 wurde dann noch eine Leiter mit Stützstangen angeschafft. Die vermutlich 35 Gründungsmitgliederwählten den „Reiserthaler”Thomas Esterl zu ihrem Vorstand und den „Überloher”Johann Steinecker zum Kommandanten. Letzterer wird 1931 als „Gründer” der Wehr genannt. Für 1901 sind in der Statistik der Bezirksfeuerwehr dann 41 „Freiwillige” ver­zeichnet. Alarm wurde mit den Frauenreuther Kirchenglocken gegeben.

Ein nächstes Dokument der Frauenreuther Feuerwehr ist ein Gruppenbild von 1908 mit 39 Personen, wohl zum zehnjährigen Gründungsjubiläum. Die auf dem Bild gezeigte Standarte trägt die Jahreszahl 1898. Hier ist al­lerdings das Gründungsjahr gemeint. Wahrscheinlich wurde die Standarte zum Jubiläum angeschafft und geweiht.

Die Selbständigkeit der Wehr ist nicht nur durch den Vorstand, sondern auch durch die eigene Kasse gekennzeichnet. Um diese aufzubessern, hat man für den 29.12.1912 zu einer Christbaumfeier mit Glückshafen und Konzert beim Wirt eingeladen. Kommandant und Vorstand sind 1919 in ei­ner Hand. Es ist der Wirt Josef Obermair. Dieser verstirbt 1920. Nachfolger wird Johann Sarreiter, Mattenhofen, als Kommandant, und Vorstand wird Michael Obermüller. Obermüller behält dieses Amt bis 1929. Sein Nachfol ger wird Isidor Auer.

Sarreiter und Auer sind die Amtsträger, denen am 17.12.1936 mitgeteilt wurde, dass ihre Wehr mit der Glonner vereinigt werde. Dies galt auch für die Schlachter Wehr. Die Kommandanten haben als „Abteilungsleiter” wei­ter zu fungieren. Die Vorstände, Kassiere und Schriftführer haben ihre Äm­ter niederzulegen. Die weißblauen Kokarden von den Dienstmützen waren abzunehmen. Fortan war die Frauenreuther Wehr also eine Abteilung der Glonner. Und so musste man auch die Einsätze in München mitmachen.

Wohl der schwerste Schicksalsschlag traf die Frauenreuther mit dem Tod ihres Schmiedemeisters Hans Obermair. Er war zusammen mit dem Glon­ner Wirtssohn Fritz Gruber im Juli 1944 bei einem Einsatz in München ums Leben gekommen.

Nach dem Krieg formierte sich nicht nur die Freuenreuther Wehr neu, son­dern in Mattenhofen-Haslach bildete sich eine eigene. Beide Wehren er­hielten Motorspritzen aus öffentlichen Beständen. Aus dem Kassenbuch der Glonner Wehr ergibt sich, dass die Frauenreuther Anfang 1948 ein „Startkapital” von 200 Mark erhalten haben, damals wertlose Reichsmark. Ein Neuanfang ist auch damit gekennzeichnet, dass der damalige Frauen­reuther Kommandant Peter Wimmer (1), 1948 Michael Obermüller zu ei­nem Maschinistenlehrgang geschickt hat. 1950 wurde dann auch ein Hän­ger (TSA) für die Spritze gekauft. 1970 wurde die Spritze erneuert. Im 2014 bezogenen neuen Feuerwehrhaus ist sie bestens untergebracht.

Für die Jahre 1956 und 1960 hatte die Frauenreuther Wehr jeweils 15 Akti­ve gemeldet und 1965 konnte eine Leistungsprüfung abgelegt werden. Das Jahr 1970 brachte für die Wehr einen neuen Kommandanten. Hans Steinecker aus Überloh löste Peter Wimmer (1), der der Wehr über 20 Jah­re vorstand, ab. Im gleichen Jahr wurde eine neue Spritze (TS 8/8) ange­schafft. Nachfolger des 1980 verstorbenen Hans Steinecker wird für sie­ben Jahre der erst 19-jährige Heinrich Zettl. Franz Schwaiger jun. und dann dessen Sohn Robert folgten nach.

1985 wurde die Standarte restauriert. Bis zur Einführung der Feuerschutz­abgabe im Jahre 1974 wurde für die Wehr jährlich 0.10 DM je Tagwerk ein­gesammelt. Ab dem Folgejahr wurden dann von der Gemeinde jährlich DM 500.–, seit Anfang der 90-er Jahre DM 600.– überwiesen. Eine weitere Verbesserung der Finanzen ergibt sich aus dem alljährlich abgehaltenen Dorffest, das immer am 15. August, dem Patroziniumstag, veranstaltet wird. Die gestiegene Finanzkraft der Wehr war sicher auch eine gute Basis für die Restaurierung der Spritze von 1898, die, wie die Ebersberger Zei­tung 1981 schreibt, unter Leitung des früheren Kommandanten Hans Steinecker „liebevoll aufpoliert” wurde.

Dass auch Feuerwehren einer ständigen Modernisierung unterliegen müs­sen, zeigt ein Eintrag ins Inventarverzeichnis. Eine wichtige Investition der Frauenreuther Wehr erfolgte 1998. Es ist ein gebrauchter Tragkraftsprit­zenanhänger für DM 4500.–.

Schließlich ist die FFW auch heute noch der einzige Ortsverein, der sich auch um das Miteinander im Ort annimmt. Es sind im Wesentlichen die 20 Aktiven der Wehr. Und das bei ca 130 Einwohnern des FFW-Sprengels. Da­mit sind rund ein Sechstel der Einwohner aktive „Feuerwehrler”. Ein Bei­spiel, wie es in unserer heutigen Gesellschaft gar nicht hoch genug einge­schätzt werden kann.

Seit 2022 ist Matthias Steinecker Kommandant der Wehr. Schon sein Ur­großvater und sein Großonkel waren es. Dass die Frauenreuther Wehr nicht nur eine technische Hilfstruppe sein will, sondern mehr, steht auch auf ihrer über 10O-jährigen Standarte: „Gott zur Ehr dem Nächsten zur Wehr”. Und so gehört auch beim Jubiläum, und das nicht nur da, das Fei­ern dazu. Es beginnt am Sonntag, 13. August, mit einem Festgottesdienst mit vorausgehenden Frühschoppen und nachfolgendem Mittagessen und dann mit Kaffee und Kuchen. Am Montag gibt es ein Kesselfleischessen. Der Festraum ist im Stadel des „Überlohers”.

Der darauffolgende „Frautag”, Maria Himmelfahrt, gilt dann der Frauen­reuther Kirchenpatronin, der Patronin Bayerns, die neben dem heiligen Florian durchaus auch als Patronin der Feuerwehren gelten darf.

zurück